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Filmtext

"Wir kommen ohne Kamele aus."
"Wir kommen ohne Kamele aus."

 Frage: Zur Zeit kommen zahlreiche neue Filme aus Argentinien nach Europa. Es tut sich etwas im Kinosektor. Worauf ist das zurückzuführen?



Rodrigo Fürth: Dank Pino Solanas, der seit einigen Jahren einen Sitz als Abgeordneter im argentinischen Parlament hat, hat sich sehr viel zum Positiven gewendet im kinematographischen Sektor. Auf seine Initiative geht es zurück, dass 1994 nach 20 Jahren endlich ein Gesetz verabschiedet wurde, das die Filmproduktion in Argentinien in ungeahnter Weise ankurbelte. Auf der Grundlage dieses Gesetzes wurde ein Fond gegründet, der sich aus verschiedenen Quellen speist: Beispielsweise werden 10 Prozent der Eintrittsgelder aller Kinofilme an diesen Fond abgeführt. Außerdem müssen von nun an Fernsehstationen, die Kinofilme in ihrem Programm ausstrahlen, eine Steuerabgabe zahlen und es gibt einen Zuschuss für publizierte Videofilme sowie alle anderen elektronischen Medien.

Konkret funktioniert die Finanzierung folgendermaßen: Generell geht der argentinische Staat davon aus, dass sich die Kosten für die Produktion eines Films im Durchschnitt auf 1,25 Mio Dollar belaufen. Kostet er weniger, dann umso besser. Kostet er mehr, muss man sich selbst um die Restfinanzierung kümmern. Wenn ein Film ins Kino kommt oder in irgendeinem anderen elektronischen Medium publiziert wird, zahlt der Staat die Hälfte der 1,25 Mio Dollar. Darüber hinaus erhält der Filmemacher einen fixen Anteil von jeder Kinoeintrittskarte. In Argentinien kostet eine Kinokarte 7 Pesos, das entspricht 7 Dollar, 2 davon erhält jeder Filmemacher direkt. Außerdem habe ich weitere 3 Dollar erhalten, weil meinem Film ein besonderes Prädikat verliehen wurde. Insgesamt habe ich also 5 Dollar für jeden Kinozuschauer erhalten, zusätzlich zu den 10 Prozent aus dem Font.

Die Idee ist, den Filmemachern zumindest einen Teil des Geldes für zukünftige Projekte zur Verfügung zu stellen. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurden pro Jahr etwa 4, wenn es ein gutes Jahr war vielleicht 10 Filme produziert. Heute sind es durch diese Initiative 40 bis 50 Filme. Das ist eine unglaubliche Veränderung hin zum Positiven.



Frage: Wird dieses Geld direkt und in jedem Fall an die Filmemacher ausgezahlt, ganz gleich, was passiert? Gibt es keine Kommission, die darüber entscheidet, wieviel Geld jeder Filmemacher bekommt?

Rodrigo Fürth: Doch es gibt eine Kommission, in der Kinofachleute gemeinsam mit Künstlern und Vertretern anderer Kulturbereiche sitzen. Diese tritt zusammen, nachdem ein Film fertiggestellt wurde und vergibt Prädikate für die eingereichten Filme. Sie entscheidet darüber, ob ein Film „von speziellem Interesse“, „von einfachem Interesse“ oder „nicht von Interesse“ ist. „Von speziellem Interesse“ bedeutet, dass, ein Filmemacher, wie in meinem Fall, zu den 2 Dollar aus jeder Eintrittskarte 3 Dollar zusätzlich bekommt. Die Filme mit dem Prädikat „von einfachem Interesse“ erhalten ein bisschen weniger. Filme „nicht von Interesse“ gehen leer aus. Ganz klar, wenn diese Kommission politisch beeinflusst ist, dann kann sie darüber entscheiden, ob ein Filmemacher Geld bekommt oder nicht. Wie dies auch in der Ära Menem geschehen ist. Der Wandel, der jetzt aber in Argentinien und in der Filmpolitik eingesetzt hat, ist sehr demokratisch.



Frage: Wir wissen alle, dass die Korruption in Argentinien enorme Ausmaße hat. Besteht nicht die Gefahr, dass die Kommissionsmitglieder in die eigene Tasche wirtschaften?



Rodrigo Fürth: Der jetzige Leiter des Nationalen Filminstituts, José Miguel Onaindia, ist eine absolut ehrenhafte Person. Er denkt und handelt sehr demokratisch. Und auch die Strukturen im Nationalen Filminstitut sind in der Zwischenzeit sehr demokratisch geworden. Zum Glück hat es sich so entwickelt.



Frage: Zahlreiche Filme, die derzeit aus Argentinien nach Europa kommen, stammen von Studenten der Universidad del Cine in Buenos Aires. Welche Rolle spielt diese Filmschule in der derzeitigen Situation der argentinischen Filmpolitik?



Rodrigo Fürth: Wir haben es gegenwärtig mit einem großen Boom im argentinischen Kino zu tun. Viele junge Leute wollen Kino machen. Zur Zeit haben wir etwa 7000 bis 8000 Filmstudenten in Argentinien. Und einige argentinische Filmschulen bewegen sich auf einem unglaublich hohen Niveau. Die Universidad del Cine in Buenos Aires ist wohl die zur Zeit beste in ganz Lateinamerika. Aus ihr gingen u.a. Ariel Rotter mit Solo por hoy, Daniel Burman mit seinem Film Esperando al mesías, Albertina Carri mit No quiero volver a casa, La Cienaga von Lucrecia Martel oder auch La Libertad von Lisandro Alonso hervor. Die Schule ist sehr teuer, besitzt aber gleichzeitig auch eine exzellente Qualität. Generell unterliegen die Filme der Studenten, wenn sie auf den Markt kommen, denselben Bedingungen wie beispielsweise mein Film. Es gibt aber eine schulinterne Ausschreibung. Jedes Jahr wird dort ein Wettbewerb für Erstlings- und Zweitwerke durchgeführt, an dem die Studenten mit ihren Abschlussfilmen teilnehmen können. Eine auch in diesem Falle sehr demokratische Kommission entscheidet über die beiden Gewinner, die jeweils 600.000 Dollar für die Finanzierung der eingereichten Projekte, erhalten.



Frage: Viele europäische Filmfachleute sprechen in Folge des Booms des argentinischen Kinos von einem „neuen argentinischen Kino“. Existiert deiner Meinung nach ein solches Kino?




Rodrigo Fürth: Schon Manuel Antín, ein bekannter argentinischer Regisseur der älteren Generation, wurde Anfang der 60er Jahre von Journalisten auf der Berlinale gefragt, was denn das neue argentinische Kino sei. Und nun, 30 Jahre später, höre ich dieselbe Frage immer wieder. Das Einzige, was das neue argentinische Kino heutzutage neu macht, sind die positiven Rahmenbedingungen, unter denen in Argentinien produziert wird, so dass sehr viele gute argentinische Filme zu großen Festivals eingeladen werden.. Inhaltlich kann man vielleicht insofern von einem neuen argentinischen Kino sprechen, als dass die jungen Filmemacher vor allem Geschichten erzählen, die direkt im Alltag verwurzelt sind, und weniger fiktive oder nur ausgedachte Geschichten, wie zum Beispiel bei Mundo grua oder La Cienaga. Die Ästhetik der Filme jedenfalls ist so vielfältig, dass man sie eigentlich nicht in diese Kategorie fassen kann. Man spürt einfach auch hier die Globalisierung. Die jungen Filmemacher schöpfen aus einer Art postmoderner Kultur, wie sie auch die Filme von Regisseuren aus Japan, China oder Hongkong kennzeichnen.



Frage: In welcher Beziehung kann man dann überhaupt von einem autochthonen argentinischen Kino sprechen?




Rodrigo Fürth: Nehmen wir Solo por hoy von Ariel Rotter. Die Ästhetik des Films mag an die Filme von Wong Kar-Wai erinnern. Der Inhalt des Films aber ist argentinisch: die Szenen in der Küche, wo die Jungen kochen, wo sie leben, der Maler. All das ist argentinisch. Jorge Luis Borges hat einmal gesagt, man erkenne, ob eine Geschichte über den Orient von einem arabischen oder einem europäischen bzw. lateinamerikanischen Schriftsteller geschrieben wurde an der Anzahl der Kamele, die darin vorkommen. Im Unterschied zu einem europäischen kommt ein arabischer Schriftsteller ohne Kamele aus. Er nutzt subtilere Symbole und Bilder aus seiner Kultur, um seine Geschichten zu erzählen.

Volker Kull

erstmals veröffentlicht im RayKinomagazin, Januar 2002
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