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Filmtext

Von der heilenden Kraft des Erzählens

„Diese Geschichte wächst wie ein Baum, der zum ersten Mal austreibt“, sagt der gemächliche Erzähler mit seiner warmen Stimme aus dem Off des Films. In der Tat verzweigen sich die klaren Sätze seines beispielgebenden Berichts zu zahlreichen Ästen einer phantasievollen mythologischen Erzählung. Im Bild des Baums ist sie verschlungen und wuchernd, in ihrem zeitlichen Verlauf zieht sie konzentrische Kreise um einen imaginären Mittelpunkt und spiegelt sich dabei in einer Art ewigen Wiederkehr. Es wundert deshalb nicht, dass der Erzähler mit seiner Geschichte auch die seines Volkes erzählt und dass er sich selbst mit den Helden identifiziert. Diese stammen aus dem Land der Ramingining, einer Sumpf- und Flusslandschaft im Nordosten Australiens, deren faszinierende Schönheit am Beginn von Rolf de Heers Film „10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen“ aus der Vogelperspektive gezeigt wird. Als entspräche der sanfte Gleitflug der Kamera, von Naturgeräuschen und tiefer Stille begleitet, jenem Blick der Seelen, die sich auf Wanderschaft befinden.



Erzählt wird diese Geschichte, die sich in einem fernen Land zur „Zeit der Ahnen“ zugetragen hat, dem jungen, noch unerfahrenen Dayindi (Jamie Gulpilil). Weil der Heißsporn die jüngste der drei Frauen seines älteren Bruders begehrt, beginnt dieser, jene besagte Geschichte zu erzählen, in der sich eine anvisierte Belehrung mit den Ursprungsmythen und den Traditionen der Aborigines verbindet. Während die Brüder zusammen mit anderen Stammesmitgliedern auf die Jagd nach Spaltfußgänsen und ihren Eiern gehen, was de Heer im Schwarzweiß eines historischen Präsens zeigt, schweifen ihre Gedanken in noch fernere Zeiten und damit zu jener eigentlichen Geschichte, die im Film farbig dargestellt ist. Hier wiederholt und spiegelt sich das Begehren in identischer Konstellation. Als im Lager des Stammes jedoch ein fremder Zauberer auftaucht, dem die Fähigkeit des Seelenraubs nachgesagt wird und kurz darauf eine der drei Frauen des vom jüngeren Bruder beneideten Kriegers spurlos verschwindet, fällt der Verdacht auf den mysteriösen Fremden.



Die falschen Hypothesen und tödlichen Verstrickungen, die daraufhin in Gang gesetzt werden, folgen dem Gesetz der Blutrache, dessen Ewigkeitswert in der Perspektive der Ureinwohner eine soziale Funktion besitzt. In der fast burlesken Gestaltung des Sterbens und der Seelenwanderung thematisiert Rolf de Heers ungewöhnlicher Film, der entlang traditioneller Riten und Bräuche und unter Mitwirkung authentischer Ureinwohner gedreht wurde, zugleich den Kreislauf des Lebens, das aus dem Wasser kommt. Dass das Gesetz stärker ist als das Begehren und seine Erwartungen deshalb schließlich enttäuscht werden, muss Dayindi geduldig lernen. So wird der lange Atem des Erzählens selbst zur heilenden Kraft und infolgedessen zur Einübung in Geduld, der de Heers Film „Ten canoes“ mit seinem verschlungenen Reichtum bereitwillig folgt.





24. Oktober 2007

Wolfgang Nierlin

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