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Filmtext

Schneise der Gewalt

Eine aggressive, gewalttätige Spannung, die aus den Blicken und dem Schweigen kommt, durchzieht den Film von Anfang an. Das Ungebändigte scheint nur mühsam unterdrückt und zurückgehalten. Immer gibt es ein wütendes Lauern, eine hasserfüllte Angriffsbereitschaft, die Verstockungen durchbrechen will. Vor allem auf Yvonne (Henriette Müller), Anführerin einer vierköpfigen Mädchenclique, trifft dieses katzenhaft Flackernde zu. In der Eingangssequenz von Birgit Grosskopfs mehrfach ausgezeichnetem Debütfilm „Prinzessin“, einer Fahrt im Vorortzug, steht sie auf und schlägt unter den stoischen Blicken ihrer Freundinnen einer mitfahrenden jungen Frau grundlos und ohne Vorankündigung brutal ins Gesicht. Es sind zwei harte, durch eine leichte, irritierende Pause voneinander abgesetzte Faustschläge, die dem Opfer das Nasenbein brechen. Völlige Wortlosigkeit liegt über der perfiden Szene, als gelte es, den Wirkungen sinnloser Gewalt einen Resonanzraum zu geben.



„Es sollte kein verlogener Ghettofilmkitsch werden“, sagt Grosskopf in den Produktionsnotizen zum Film. Und sie ergänzt offensiv: „Bloß kein deutsches Sozialdrama. Und bloß keine pädagogisch wertvolle Haltung. Man soll gar nicht verstehen oder werten, was geschieht.“ Dementsprechend verzichtet sie auf jegliche Analyse der Gewalt und zeigt, was ist, ohne zu kommentieren. Diese Absage an Erklärungen, die einhergeht mit einer formalen Konzentration, bleibt ethisch fragwürdig, öffnet den Film aber ästhetisch für eine spröde fiktionale Erzählung, in der es um Freundschaft und Loyalität, Liebe und Verrat geht. Denn Katharina (Irina Potapenko), eine Spätaussiedlerin aus Russland, nimmt Yvonnes Tat auf sich, um die Freundin zu schützen. Diese soll nämlich am nächsten Tag ins Gefängnis, büxt aber im letzten Moment aus. Die völlige Plan- und Perspektivlosigkeit, die daraus resultiert, zeigt der Film als Driften. Während die Mädchen rumhängen, rauchen, und Schlägereien anzetteln, gerät die Freundschaft von Yvonne und Katharina in eine subtil dargestellte, ambivalente Spannung.



Das authentische Setting aus kalten Wohnsilos, einer gesichtslosen Vorstadtsiedlung und den kulturellen Konflikten innerhalb der Spätaussiedlerfamilie liefert dabei den realistischen Hintergrund für eine schonungslos direkte Darstellung. Zugleich ist „Prinzessin“, der zwischen Weihnachten und Silvester spielt, inszeniert wie eine lakonische Gangsterballade, in der die Liebe verschwiegen und das gewalttätige Handeln trocken und kompromisslos geschieht. „Ich würde gerne mal spüren, wie das so ist, wenn man jemanden tötet“, sagt Katharina. Yvonne wird es erfahren, während die fortwährend im Off knallenden Feuerwerkskörper im Kontrast zu besinnlichen Weihnachtsliedern eine fast kriegerische Atmosphäre evozieren. Birgit Grosskopfs widersprüchliche Faszination für Grenzüberschreitungen sucht in „Prinzessin“ vehement nach Fluchtwegen aus einem „Niemandsland“, das sich zwischen „Tristesse“ und einer „unheimlichen Sauberkeit“ erstreckt und hinterlässt dabei eine ebenso blutige wie fragwürdige Schneise der Gewalt.





6. November 2007

Wolfgang Nierlin

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