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Filmtext

Vom (Über)Leben in einer Kultur des Todes

Er solle das Neugeborene töten, rät der Älteste eines kleinen afrikanischen Dorfes dem Vater des Kindes. Denn der Säugling ist ein Mädchen, und in den Bretterhütten der Wüstenbewohner herrscht bittere Armut. Während die beiden Männer reden, werden sie von der Mutter belauscht. Mit dem Baby im Arm flieht sie für eine Nacht in die Wüste. Als Mouna (Carole Karemera) am nächsten Morgen schließlich zu ihrem Mann, dem Dorfschullehrer Rahne (Issaka Sawadogo), zurückkehrt, ist die Krise, in der es auch um die Behauptung patriarchaler Autorität geht, fast vorüber. Mouna darf ihrem Kind einen Namen geben, Shasha soll es heißen. Im Prolog von Marion Hänsels tief beeindruckendem Film „Als der Wind den Sand berühte“ (Si le vent soulève les sables), dessen erstes Bild das Antlitz des Neugeborenen zeigt, entspricht diese Geste einer Bejahung des Lebens. Ein Hauptstrang der Geschichte erzählt deshalb davon, wie ein Vater und seine Tochter auf einer langen Reise zueinander finden.



Ein paar Jahre später ist aus Shasha (Asma Nouman Aden) ein aufgewecktes, quirliges Mädchen geworden, das eine ansteckende Lebensfreude verbreitet und seinen Vater schelmisch „Pouzi“ nennt. Gegen alle Zeichen der Not tanzt Shasha in ihrem farbenprächtigen Kleid noch einmal mit den Frauen des Dorfes. Es ist ein Abschiedstanz, denn wegen der langanhaltenden Trockenheit beschließen die Dorfbewohner, ihre Hütten aufzugeben und auf der Suche nach Wasser eine beschwerliche Reise anzutreten. Während die meisten Familien nach Süden ziehen, wählt Rahne die verheißungsvollere, aber gefährlichere Ostroute, die durch Kriegsgebiet führt. Mit wenigen Habseligkeiten, einer kleinen Ziegenherde und dem Dromedar „Chamelle“ (so auch der gleichnamige Titel der literarischen Vorlage von Marc Durin-Valois) begibt sich Rahnes Familie auf eine strapaziöse Wanderung durch die Wüste, die sich in der Konfrontation mit einer grausamen, unmenschlichen Wirklichkeit auf bewegende Weise zur existentiellen Erfahrung von Leid und Schmerz verdichtet. Zunehmend von Durst, Hunger und körperlicher Erschöpfung gezeichnet, sind die Flüchtlinge wie Freiwild der tödlichen Willkür marodierender Banden und gewissenloser Kindersoldaten ausgeliefert.



Mit nüchternem Blick und einer ruhigen, sorgfältigen Erzählweise schildert die renommierte belgische Filmemacherin Marion Hänsel am individuellen Beispiel die universelle Geschichte millionenfacher Flucht und Vertreibung. Dabei thematisiert sie nicht nur das sehr konkrete, aber weitgehend unbekannte Problem des Wassermangels, sondern spricht in parabolischer Form vom Leid und der menschlichen Würde jener Vergessenen, die im Bewusstsein der hiesigen Öffentlichkeit ein Schattendasein fristen. Wenn die kleine Shasha am Himmel ein Flugzeug entdeckt, wird dieser fast unwirklich erscheinende Bote einer fernen Welt zum tragischen Symbol für Ungleichheit und unsichtbare Not. Hänsels Film behandelt auf schockierende Weise aber auch die Relativität von Leben und Sterben, wenn Shasha als „Versuchskaninchen“ von schrecklichen Rebellen auf vermeintlich vermintes Gelände geschickt und, nachdem sie heil zurückgekehrt ist, ihr kleiner Bruder grundlos erschossen wird. Wie lässt sich in einer Kultur des Todes das Leben lernen und bewahren? Marion Hänsels einfühlsamer Blick auf familiären Zusammenhalt und ihre Schilderung einer zärtlichen Vater-Tochter-Geschichte geben darauf eine Antwort.



24. August 2007

Wolfgang Nierlin

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