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Filmtext

In der Ehehölle gefangen

Das Ehedrama, das der junge Regisseur Jan Bonny (Jahrgang 1979) in seinem Debütfilm „Gegenüber“ inszeniert hat, folgt weniger einem äußeren Handlungsverlauf, sondern verdichtet und intensiviert auf bedrückende Weise einen krisenhaften Zustand. Die Beziehung des Essener Polizisten Georg Hoffmann (Matthias Brandt) und seiner Frau Anne (Victoria Trauttmansdorff), einer routinierten Grundschullehrerin, ist darin festgesetzt. Ihre Ehe hat sich so stark in Gewohnheiten und äußeren Zwängen eingerichtet, förmlich ablesbar an zweckentfremdeten Räumen und einer prinzipiell prekären, von Unterstellungen umlauerten Kommunikation, dass es kaum noch einen Außenraum gibt. Georg und Anne kreisen um sich selbst; sie sind isoliert und merken es kaum, weil die Wahrung des Scheins und die tägliche Selbsttäuschung so sehr zur Normalität, zur fast unmerklich gehegten Lüge geworden sind. Deshalb kann und darf der Schmerz auch nicht mehr nach außen dringen. Die Ehehölle ist quasi total.



Wenn Anne sagt, sie sei „nicht immer glücklich“ und Georg mit dem steifen Satz „Ich bemühe mich um Konstanz“ seine um den häuslichen Frieden besorgte Genügsamkeit verteidigt, dann schimmert durch die verbale Kaschierung eine tragische Ironie. Denn zwischen äußeren Rechtfertigungsstrategien und inneren Rückzugsgefechten ist alles noch viel schlimmer: Anne schlägt Georg, und zwar nicht einmalig oder im Affekt, sondern immer wieder, mit verzweifelter Brutalität und zunehmender Intensität. Diese Umkehrung ehelicher Gewaltverhältnisse irritiert und sorgt im Verbund mit einer schonungslosen Darstellung für nachhaltige Erschütterungen. Jan Bonny und sein Bildgestalter Bernhard Keller haben diese Gewaltausbrüche in eine beklemmende Atmosphäre aus halbdunklen, schmucklosen Bildern getaucht und mit einem geschmeidigen Kamerastil intensiviert, der stets die physische Nähe zu den Figuren akzentuiert. Die Zuschauer sollen sich nicht zurückziehen können, so der Regisseur, sondern die „unglückselige Entwicklung des Ehepaars mitgehen“.



Bei seinem Besuch im Heidelberger Karlstorkino, wo Bonny am Wochenende seinen Film vorstellte, betonte der Kölner Fimemacher aber auch, dass es ihm trotz dieser Extreme um die Darstellung von „Normalität“ gegangen sei. Die Sprachlosigkeit seiner Figuren, ihre fatale emotionale Abhängigkeit voneinander sowie die Unfähigkeit, ihrem Liebesbedürfnis eine angemessene Form zu geben, komme „aus der Mitte der Gesellschaft“. Paradoxerweise „funktionieren“ Anne und Georg in Berufen, die ihnen ein gewisses Maß an sozialer Kompetenz in der Vermittlung von Konflikten abverlangen. Doch gerade im erweiterten Familienrahmen lavieren die beiden unsicher zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Während Annes aggressive Unzufriedenheit unter anderem daher rührt, dass sie dem durch ihren Vater ausgeübten Erfolgsdruck – den sie im Übrigen an ihre beiden studierenden Kinder weitergibt – nicht genügt, versucht der ruhige, einfühlsame Georg jegliche beruflichen Ambitionen wegzuschieben. Diese Gegensätzlichkeit erzeugt immer wieder Misstrauen und Spannungen. Sie erklären aber nur zum Teil jene Exzesse, in denen sich der passive Georg fast bis zur Selbstverleugnung in die Opferrolle fügt. Im anderen, mehr schwelenden Teil von Bonnys Geschichte über häusliche Gewalt treffen abgenutzte Beziehungsformen, eine gestörte Kommunikation und der Anpassungsdruck, der durch gesellschaftliche Normierungen erzeugt wird, unheilvoll aufeinander.



18. November 2007

Wolfgang Nierlin

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