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Filmtext

Gestohlene Stimmen oder die Schmerzen der Überlebenden

Der Film beginnt mit dem Blick auf eine weite, öde Landschaft, deren ausgebleichtes Gelb die Konturen verschluckt, sie nahezu in einem dunstigen Nebel aus Staub aufzulösen scheint. Aus dem verschwommenen, flirrenden Hintergrund taucht ein Lastwagen auf, als käme er aus dem Nichts. Auf seiner Ladefläche kauern schweigsam Menschen, die von der Kamera aus der Vogelperspektive gezeigt werden: Ein alter Mann mit einem schlafenden Jungen, eine Frau mit faltigem, gegerbtem Gesicht, auf dem der Blick für Momente verharrt. Geduldiger Ernst, Gleichmut und Trauer spricht aus diesen Gesichtern. Ein schreckliches Schicksal, das mit der hoffnungslos ausgetrockneten Wüstenlandschaft verschmilzt, hat sie berührt. Es sind Gesichter von Menschen im Norden Afghanistans, die vor dem Terror des Krieges flüchten. Aus einem auffallend farbigen Reisebündel rollt ein Apfel, der die Szene kontrastiert und symbolisch auflädt. Im Verlauf von Atiq Rahimis Film „Erde und Asche“ wird diese saftige Frucht verfaulen.



Bereits 1996, als die Taliban in Kabul die Macht an sich rissen, hat der afghanische Schriftsteller und Filmemacher Rahimi, der im Pariser Exil lebt und arbeitet, den gleichnamigen Roman geschrieben: Um die Gewalt zu verstehen, die nach seiner Meinung noch von der sowjetischen Invasion herrührt und um gegen die Gleichgültigkeit der internationalen Politik zu protestieren. In bezug auf die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen beschäftigt sich Rahimis Buch aber vor allem mit „der Notwendigkeit zu trauern“ und der Möglichkeit, „endlich dieser Spirale der Gewalt und der Zerstörung zu entkommen“. So sind der alte Dastaguir (Abdul Ghani) und sein Enkelkind Yassin die einzigen Überlebenden einer Familie, die bei einem Bombenangriff auf ihr Heimatdorf ausgelöscht wurde. Jetzt sind sie unterwegs zu einer entlegenen Mine, wo Murad, Dastaguirs Sohn und Yassins Vater, arbeitet. Doch der alte Mann fürchtet sich davor, diesem die schmerzvolle Nachricht zu überbringen und damit das Leid noch zu mehren. „Der Tod ist besser als dieses Leben“, sagt Dastaguir, um die seelischen Qualen der Überlebenden auszudrücken.



Während Großvater und Enkelkind am Fuß einer beschädigten Brücke, die über ein ausgetrocknetes Flussbett führt, geduldig auf eine Passage zum Kohlebergwerk warten, müssen sie sich mit Schmerz und Trauer auseinandersetzen. So erlebt Dastaguir in alptraumhaften Sequenzen noch einmal den Schock von Zerstörung und Verlust, lernt in der Konfrontation mit dem Leid anderer, den eigenen Schmerz zu relativieren beziehungsweise zu akzeptieren und erfährt schließlich durch die Erzählungen eines Händlers etwas über die Notwendigkeit des Trauerns. Man müsse den Schmerz vergessen und das Leid durch Mitgefühl teilen, um den Kreislauf aus Rache und Gewalt durchbrechen zu können. Schließlich lebe der Mensch von der Hoffnung, sagt der Händler, der selbst leidgeprüft ist.



Währenddessen sucht der kleine Yassin in einem schrottreifen Panzer nach den „gestohlenen Stimmen“. Seit dem Bombenangriff auf das Dorf ist der Junge nämlich taub, ohne es zu wissen. Er ist in seinen schmerzlichen Verwirrungen gewissermaßen unerreichbar geworden. Der durch eine Mine verursachte, plötzliche Tod einer Ziege, die er eben noch im zärtlichen Spiel gejagt hat, muss für ihn unverständlich bleiben. Der Film „Erde und Asche“ verdichtet den Schock des Krieges durch die Dehnung von Raum und Zeit und verweist dabei die Frage nach dem Warum ins Unermessliche.



21. Dezember 2007



 

Wolfgang Nierlin

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