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Filmtext

Kritisch für die Revolution

Viele kennen das Schicksal Ihres Films Alicia im Dorf der Wunder. Nach seinem Erscheinen 1991 hat er große Kontroversen in Kuba hervorgerufen, wurde nach vier Tagen sogar verboten und erst einige Jahre später für den internationalen Verleih freigegeben worden. Wie sehen Sie aus der heutigen Perspektive die damaligen Ereignisse und hatten diese Vorgänge irgendwelche persönlichen Konsequenzen?



Daniel Díaz Torres: Im Ausland existieren viele Klischees über Kuba. Sehr häufig wird das politische Leben in Kuba mit den ehemaligen sozialistischen Ländern in Osteuropa verglichen. Man ignoriert dabei aber, dass sich Kuba immer schon von diesen Ländern unterschieden hat. Selbstverständlich gibt es Teile der Regierung Kubas, die Druck auf das kulturelle Schaffen ausüben wollen. Ich habe jedoch immer erklärt, dass man das, was mit Alicia geschah, ausschließlich im Kontext des Jahres 1991 beurteilen sollte. Damals begann eine schwere Zeit für Kuba. Das sozialistische Lager brach zusammen. In Kuba musste die wirtschaftliche Sonderperiode, der periodo especial, ausgerufen werden. Das Land sah sich von jetzt auf nachher isoliert, was ein übertriebenes Schutzgefühl hervorgerufen hat, so dass einige Funktionäre innerhalb der Regierung in Alicia eine Bedrohung sahen. Der Film wurde als Angriff auf die Einheit des Landes betrachtet. Ich verstehe selbstverständlich, dass dieses Kriterium existierte und noch immer existiert. Mir erscheint es jedoch nur von relativer Bedeutung. Alicia war nur ein Film unter vielen. Was ich meine, ist, dass es damals in Kuba keine anderen Filme gab, die ähnlich kritisch gewesen wären. Aber damals glaubten einige Leute, dass Kunst nur das Positive reflektieren sollte. Eine Überzeugung, die es übrigens auch in anderen Ländern gibt, nicht nur in Kuba.



Welche Funktion hat Kunst für Sie?

Daniel Díaz Torres: Ich bin überzeugt, dass Kunst vor allem die Widersprüche in einer Gesellschaft aufdecken sollte. Wenn Kunst einzig eine rein illustrative Aufgabe erfüllt, wird es langweilig, dann gibt es keine dramatischen Situationen, gibt es nichts Interessantes mehr. Kunst sollte gesellschaftliche Entwicklungen problematisieren, nicht nur illustrieren. Es ist von enormer Bedeutung, kritische Fragen aufzuwerfen. Dies war in Kuba meistens so. Filme wie Erdbeer und Schokolade, Madagascar oder auch der letzte Film von Fernando Pérez Das Leben ein Pfeifen tun dies. Denken Sie doch nur einmal an das Ende des Films. Diese Ironie des Mädchens zu behaupten, im Jahr 2020 werden alle Kubaner glücklich sein und es zugleich weinen zu sehen. Sie hat Angst, dass es nicht wahr werden könnte, weil es nicht funktioniert, den Menschen ein Glücksgefühl zu verordnen.

Ich glaube an die Revolution, aber innerhalb der Revolution gibt es reale Probleme und viele Widersprüche, die weiterexistieren, egal ob man sie ausspricht oder verschweigt. Sie aber zu verleugnen, ist ein großer Fehler. Wenn nach einem Film Diskussionen aufkommen, Polemiken geführt werden, ein Film auch negative Kritiken bekommt, dann ist das gut so. Einen Film aber zu verbieten, ist ein schwerer Fehler. Man darf einen Film, ein Kunstwerk nicht totschweigen und so tun, als ob er nicht existierte, wie es mit Alicia geschehen ist. Heute mache ich das Kino, das ich machen möchte. Niemand hat mir bei meinen anderen Projekten wie Liebe mich und Du wirst sehen, Kleines Tropikana oder Der Cuba-Coup irgend etwas vorgeschrieben.

Eines aber ist sicher. Trotz der Vorgänge um Alicia existierte in Kuba nie so etwas wie eine systematische Repression, wie beispielsweise in den ehemaligen sozialistischen Ländern Europas. Die Mehrheit meiner Filmfreunde glauben tief und fest an die Errungenschaften der Revolution, an ihre fundamentalen Prinzipien und daran, dass man für eine gerechte Gesellschaft eintreten muss. Spezielle Formeln dafür, wie man dies tut, gibt es nicht. Alles ist Teil einer Dialektik, Teil eines permanenten Wandels. Es erscheint mir absurd, noch immer zu glauben, dass sich die Welt nicht verändert hat und dass wir immer noch in den 60er Jahren leben. Aber, gut, diese Leute gibt es. Das sind unsere Widersprüche, genauso wie es in anderen Ländern andere Probleme und Widersprüche gibt.



Gibt es also Ihrer Meinung nach trotz allem so etwas wie künstlerische Freiheit in Kuba?

Daniel Díaz Torres: Ja, ich denke schon. Jede Freiheit impliziert aber zugleich eine große Verantwortung für den Künstler. Wenn man einen Film mit konfliktiven Inhalten macht, übernimmt man zwangsläufig eine Verantwortung. Man muss mit Diskussionen rechnen, mit Polemiken, die geführt werden. Ich beispielsweise habe Alicia für Kuba gemacht, damit die Dinge ausgesprochen ausgesprochen und diskutiert werden können. Nicht, um dem Ausland zu zeigen, welche Missstände in Kuba existieren. Leider konnte der Film in Kuba bislang nicht oft aufgeführt werden. Heute aber wird der Film nicht mehr so verdammt wie früher. Und nach Alicia konnten dennoch Erdbeer und Schokolade und Guantanamera gemacht werden, der zu einem gewissen Zeitpunkt sehr kritisiert wurde.



1998 hat Fidel Castro Guantanamera und den Regisseur Tomás Gutiérrez Alea in einer seiner Reden scharf kritisiert.

Daniel Díaz Torres: Das ist richtig. Ich glaube aber nicht, dass dies Teil einer systematischen Konzeption war, das kulturelle Leben zu reglementieren. Das sind seine Kriterien, Filme zu beurteilen. Ich respektiere sie, teile sie aber nicht. Mir erscheinen sie zu streng und übertrieben. Das ist eine zu schematische Sicht auf die Realität. Ein Film wie Guantanamera hilft der Revolution eher, als dass er ihr schadet. Denn er zeigt, ohne dabei irgendetwas zu verschleiern, die Mängel, von denen jeder weiß, dass sie existieren. Es wäre schrecklich, nur noch Filme im Stil eines 'sozialistischen Realismus' zu machen, der ausschließlich die Errungenschaften der Arbeiterschaft glorifiziert. Das wäre das Ende der kubanischen Kultur und der Revolution. Was man dabei allerdings nie vergessen darf, ist, dass Kuba kein Land ist, wie zum Beispiel Österreich oder die Schweiz. Es ist nun mal eine Realität, dass Kuba Ziel einer aggressiven Politik von seiten der USA ist. Dies führt zur Überzeugung, dass es notwendig sei, die Einheit des Landes zu verteidigen. Dennoch ist es Aufgabe des Kinos zu einem authentischen nationalen Bewusstsein beizutragen, das sowohl die Tugenden als auch die Missstände kennt und ausspricht. Beides ist Teil der kubanischen Realität und es ist wichtig, dies zu zeigen, damit die Probleme und Missstände gelöst werden.

In diesem Sinne sind Guantanamera, Hübsche Lügen oder auch Das Leben ein Pfeifen wichtige Filme, die die Erscheinung der Revolution bereichern. Sie zeigen einen wichtigen Ausschnitt der Realität. Ebenso, wie das Fernsehen oder die Presse auch Ausschnitte der Realität zeigen. Im Unterschied zum Kino berichten diese allerdings nur Positives über das Land. Wenn man in Filmen nur zeigen würde, wie gut alles funktioniert, die Menschen würden einem doch nicht mehr glauben. Das kubanische Kino ist ein wichtiges Korrektiv, ein ungemein wichtiger Teil kubanischer Kultur.



Welche Bedeutung und vor allem welche Folgen hatte die kulturpolitische Rede von Fidel Castro für das kubanische Film- und Kulturschaffen?

Daniel Díaz Torres: Ich messe den Worten Fidel Castros nicht viel Gewicht bei. Natürlich waren viele Kulturschaffende in Kuba sehr besorgt nach dieser Rede. Doch sie hat keinerlei Konsequenzen gehabt. Weder wurde ein Regisseur oder andere Filmschaffende des Landes verwiesen oder bekamen Arbeitsverbot. Noch wurde ein Film verboten. Fernando Pérez hat seinen Film Das Leben ein Pfeifen drehen können. Und niemand hat ihn in irgendeiner Weise beeinflusst. Keiner hat je das Drehbuch sehen wollen. Fernando hat seine Arbeit gemacht, wie er sie ursprünglich geplant hatte. Die Rede Fidel Castros war Teil einer alten Debatte zwischen Politikern und Kulturschaffenden, die nie zu Ende sein wird. Denn Politiker betrachten die Dinge eher von einem Tag auf den anderen. Künstler hingegen müssen den Dingen auf den Grund gehen, ihr Wesen beleuchten. Es gibt keine Regeln für diese Diskussion mit Ausnahme der einen, dass Filme nicht konterrevolutionär sein dürfen. Aber wo beginnt ein Film, konterrevolutionär zu sein. Ich mache den Film, den ich machen möchte und bin überzeugt, dass dieser Film den Inhalten und Zielen der Revolution entspricht. Sehr wahrscheinlich wird es wieder jemanden geben, der damit nicht einverstanden sein wird. Ich glaube aber, dass insgesamt eine der wichtigsten Errungenschaften der Revolution ihre Kritikfähigkeit ist und ihre Art, angemessen zu reagieren. Niemand hat je das machen müssen, woran er nicht glaubte.



Mitte der 80er Jahre zu Zeiten der rectificación, der sogenannten Korrektur der Fehler, gab es eine Diskussion unter den Filmschaffenden über ihre Selbstzensur. Gibt es heutzutage eine Art der Selbstzensur kubanischer Filmschaffender?

Daniel Díaz Torres: Zur Beantwortung dieser Frage, möchte ich Ihnen eine Anekdote erzählen. Als Gast des Filmfestivals in Chicago, hat mich ein Besucher gefragt, warum ich denn keinen Film mache gegen Castro. Ich habe geantwortet, dass mich das nicht interessiere. Aus dem einfachen Grund, weil ich nicht glaube, dass dies eines der wesentlichen Probleme zu diesem Augenblick ist. Das ist eine Ebene der Diskussion, die man überwiegend aus dem konservativen Bereich in den USA her kennt und das ich einfach nur als dumm bezeichnen kann. Die Realität in Kuba ist komplexer. Man kann sie nicht in schwarz oder weiß beschreiben. Man muss sich in jedem Moment einer Filmproduktion mit Selbstzensur beschäftigen. Es ist eine Verantwortung, die ein Regisseur trägt, für das Drehbuch, für die Dialoge. Was mich vor allem interessiert ist die Geschichte eines Films. Sie muss die Gefühle der Menschen ansprechen. Dabei möchte ich die Realität so seriös und ernsthaft darstellen, wie es nur möglich ist. Dabei hat Selbstzensur nichts mit der kulturpolitischen Diskussion zu tun. Es ist ausschließlich eine subjektive Angelegenheit jedes Regisseurs. Ich mache die Filme, die ich machen möchte.

Volker Kull

Das Interview erschien erstmals im Film & TV Kameramann 3/2000
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