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Filmtext

Leidensweg durch ein alptraumhaftes Europa
Das Heidelberger Karlstorkino präsentiert die 22. Filmtage des Mittelmeeres



Die Liebesnöte und Alltagssorgen von fünf Frauen im gegenwärtigen Beirut stehen im Mittelpunkt von Nadine Labakis Debütfilm „Caramel“, mit dem die 22. Filmtage des Mittelmeeres heute Abend im Heidelberger Karlstorkino ihr reichhaltiges Programm eröffnen. Bis zum 27. Januar präsentiert das Montpellier-Haus in bewährter Zusammenarbeit mit dem Medienforum auch in diesem Jahr zwanzig Filme, die aus den Anrainerstaaten des Mittelmeeres stammen und in der jeweiligen Originalsprache mit Untertiteln gezeigt werden. Karamel, eine Mischung aus heißem Zucker, Wasser und Limonade, dient im episodisch erzählten Film der 1974 geborenen Libanesin übrigens der Beinenthaarung. Denn Treffpunkt ihrer Heldinnen ist der farbenfrohe, sinnliche Mikrokosmos eines Schönheitssalons. Jenseits von Glaubenskämpfen und Bürgerkrieg zeichnet Labaki, die selbst eine der Hauptrollen übernommen hat, ein ebenso heiteres wie utopisches „Panorama des Alltagslebens“. 



Auch Faouzi Bensaïdis zweiter Langfilm „www - What a wonderful world“ führt in eine nordafrikanische Metropole, und zwar nach Casablanca, wo die schöne Polizistin Kenza auf einer belebten Straßenkreuzung den Verkehr regelt. Eigentlich dirigiert sie ihn von ihrem Podest aus wie ein Ballett. Und weil sie zum Nebenerwerb ihr Handy vermietet, lernt sie zufällig den von Bensaïdi selbst gespielten Auftragskiller Kamel kennen, der sich zunächst mit der Gelegenheitsprostituierten Souad verbunden wähnt. Kenzas Stimme hat es ihm angetan, auch wenn diese ihn wissen lässt: „Was ich berühre, wird zur Asche.“ Es entspinnt sich eine unmögliche Liebesgeschichte als wechselseitige Suche nach dem jeweils anderen, wobei der Regisseur auf ebenso ironische wie spielerische Weise filmische Stilelemente mixt und dabei auch Comic-Elemente einarbeitet. Sein Film ist burlesk, surreal und melancholisch, zeigt die Widersprüche zwischen Tradition und Moderne und huldigt nebenbei auch noch dem Film noir.



Eine ganz andere Tonlage hat der türkische Autorenfilmer Nuri Bilge Ceylan für seinen neuen, sehr sehenswerten Film „Ilklimer“ (Jahreszeiten) gewählt, der in langen, klar komponierten Einstellungen vom Scheitern einer Liebesbeziehung erzählt. Dessen ästhetische Radikalität teilt die in Frankreich arbeitende Libanesin Danielle Arbid, die schon mit ihrem eindringlichen Beirut-Film „Maarek Hob“ (Auf den Schlachtfeldern) ein herausragendes Kunstwerk voller Härte und Verzweiflung geschaffen hat. In ihrem neuen Film „Un homme perdu“ (Ein verlorener Mann), der von Antonioni inspiriert und mit Melvil Poupaud prominent besetzt ist, folgt sie dem französischen Fotografen Thomas Koré, der im Nahen Osten dem an einer Amnesie leidenden Libanesen Fouad Saleh begegnet. Ziellos treiben die beiden Männer, die ihre Frauen verlassen haben, durch Jordanien, Syrien und den Libanon. Unfähig zur Kommunikation suchen sie nach anonymem Sex, den Thomas wiederum fotografiert. In schönen, sinnlichen Bildern zeigt Danielle Arbids Film den durch eine übergroße Einsamkeit hindurchbrechenden, geradezu körperlichen Lebenshunger seiner Protagonisten.



Ähnlich kompromisslos ist auch Teresa Villaverdes neuer, verstörender Film „Transe“ (Trance), der mit einer ganz eigenen filmischen Form dem extremen Leidensweg einer jungen Russin durch ein alptraumhaftes Europa folgt, das von Elend und Ausbeutung gekennzeichnet ist. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft verlässt die 20-jährige Sonia (Ana Moreira) ihre Familie in St. Petersburg, um in den Westen zu reisen. Doch dann wird sie betrogen, entführt und zur Prostitution gezwungen, was die portugiesische Filmemacherin als eine Abfolge demütigender Erniedringungen zeigt. „Die Hauptfigur meines Films schaut geradewegs in die Hölle“, hat Teresa Villaverde erklärt, „aber sie gerät nicht hinein. Denn um in die Hölle zu kommen, müsste sie ein Teil von ihr sein.“ Als Sonia schließlich in Portugal landet, scheint sie nicht nur ihre Würde, sondern auch alle Verbindungen zur Welt verloren zu haben.



(8. Januar 2008)

 





 

Wolfgang Nierlin

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