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Filmtext

Zwischen Ruinen und Froststarre
Nuri Bilge Ceylans Film „Jahreszeiten“ visualisiert das Scheitern einer Beziehung

Alles beginnt und endet im Schweigen, der Sprachlosigkeit. Ausgespannt zwischen der Hitze des Sommers und der Kälte des Winters beschreibt Nuri Bilge Ceylans neuer, in Cannes mit dem Kritikerpreis ausgezeichneter Film „Jahreszeiten (Iklimler) die Beziehungskrise eines Paars, seine gestörte Kommunikation und emotionale Erstarrung. Der Universitätsdozent Isa, der in Istanbul Archäologie lehrt, und die jüngere TV-Produzentin Bahar, gespielt von Ceylan und seiner Frau Ebru, sind in der Vergeblichkeit ihrer halbherzigen, hoffnungslosen Bemühungen regelrecht gefangen. Beim gemeinsamen Sommerurlaub im malerischen Kaº an der lykischen Küste, unter einer sengenden Sonne und zwischen den vereinzelten Säulen antiker Ruinen, ist ihr zähes Scheitern, von Langeweile und Melancholie grundiert, visuell und atmosphärisch erfasst. Gleich zu Beginn des Films fixiert die Kamera minutenlang Bahars Gesicht, das gegen Schweiß und unterdrückte Tränen um Haltung ringt, während Isa Ruinen fotografiert; als gelte es, etwas festzuhalten, was unwiederbringlich zu Ende ist beziehungsweise im Zustand des Zerfalls verharrt.



Diese Reglosigkeit ist der innere und äußere Status quo von Nuri Bilge Ceylans eindrücklichem Film, dessen distanzierte Bilder souverän die Leere zwischen den Figuren erfahrbar machen und in dem sich die Natur als Seelenlandschaft inszeniert findet. Noch in den Sommerferien kommt es zwischen Isa und Bahar zum offenen Gefühlsausbruch und zur unversöhnlichen Trennung, die sich im beginnenden, regennassen Istanbuler Herbst festsetzt. Isa widmet sich lustlos seiner Habilitation und nimmt in einem verstörenden Akt sexueller Gewalt, der, in Echtzeit aufgenommen, zwischen aggressiver Lust, Verzweiflung und provozierter Unterwerfung changiert, seine frühere Beziehung zu Serap (Nazan Kesal) wieder auf. Hier deuten sich auch die nicht ausformulierten Gründe für das Scheitern seiner Beziehung zu Bahar an: Isas egoistische Selbstbezogenheit sucht nach einer sexuellen Freiheit ohne soziale Verantwortung und zwischenmenschliche Fürsorge, er sehnt sich nach körperlicher Nähe und kann doch die Distanz nicht aufgeben.



Das macht den Protagonisten von Ceylans „Jahreszeiten“ modern und zu einem zeitgenössischen Nachfolger der entfremdeten Figuren aus Michelangelo Antonionis Filmen. Isas Konfliktlinien zwischen Tradition und Moderne werden nicht nur deutlich, wenn auf seinen rüden Sexualakt mit Serap ein Gespräch mit seiner Mutter übers Heiraten und Kinderkriegen folgt, sondern auch in der Wiederbegegnung mit Bahar, die sich für Dreharbeiten im verschneiten ostanatolischen Dogubeyazit am Fuße des Ararat aufhält. „Ich möchte im Leben nichts mehr für mich selbst“, beteuert Isa gegenüber Bahar, die er, innerlich schwankend, auf eine unbestimmte Art wiedergewinnen möchte. Unter dem Vorwand, den Ishakpascha-Palast dokumentieren zu wollen, ist er ihr nachgereist. Doch schließlich bleibt er unfähig, sich emotional zu öffnen und aus Lüge und Erstarrung zu lösen. 



Ceylan, der die langen Einstellungen seines Films immer wieder durch dynamische Szenenübergänge verbindet, inszeniert das als unscharf gehaltene Überlagerungen, in denen sich die Gesichter wechselseitig kaschieren, ja isolieren. Wie in seiner höchst erzählökonomischen, Raum und Zeit verdichtenden Montage ist dem Film auf diese Weise eine subtil gehaltene, symbolische Ebene eingearbeitet, auf der sich die Wirklichkeit fast unmerklich mit dem Traum berührt. (Karlstorkino: 19.1., 16 Uhr; 24.1., 20 Uhr)



28. Dezember 2007

 



 



 



 



 



 

Wolfgang Nierlin

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