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Filmtext

Jenseits der Erinnerung

Die traumatische Erfahrung steht am Anfang von Danielle Arbids neuem Film „Un homme perdu“. In hektischen, nervösen Bildern folgt die Kamera einem fliehenden Mann. Konfusion und Zerstörung, Angst und die Ahnung von Schuld begleiten diese Flucht durch die Detonationen einer kaputten Stadt: Beirut 1985, im Bürgerkrieg. Der Mann, der Fouad Saleh (Alexander Siddig) heißt, wird alles zurücklassen und alles vergessen, was ihn an seine Heimat erinnert. Zwanzig Jahre später arbeitet er auf einem Gemüsefeld im Norden Syriens. Doch Fouad ist ein Fremder, ein Ausgestoßener. Sein fester, durchdringender Blick kommt aus dem Nirgendwo und folgt keinem Ziel. Dann fährt er, schweigend und rauchend, in einem Taxi zur jordanischen Grenze. Neben ihm sitzt eine Frau, die er später, in einem unbeobachteten Moment, umarmen wird. Schmerz und Trost liegen in dieser intimen Geste. Fouad Saleh lebt jenseits der Erinnerung. Er ist der Verlorene des Filmtitels.



Der französische Fotograf Thomas Koré (Melvil Poupaud) engagiert ihn als Begleiter und Dolmetscher. Durch Fouads Unzugänglichkeit hindurch ringt Thomas um eine Sprache der Verständigung. Doch auch er, besessen von der Jagd nach Bildern, wirkt entwurzelt. Auf seinen Streifzügen durch das Nachtleben Ammans sucht er nach Frauen und Sex. Thomas Koré ist ein gewissenloser Ausbeuter mit der Kamera, der die Wirklichkeit benutzt wie einen Körper und an ihre Stelle die Bilder seiner obsessiven Lust setzt. Das Vergessen scheint bei ihm selbstgewählt; die Begegnung mit Fouad könnte ihn verändern. Doch für den Mann ohne Gedächtnis kommt alles zu spät. Es gibt für ihn keine Rückkehr, keine Wiedergewinnung der Identität, scheint die 1970 in Beirut geborene, heute in Frankreich lebende Filmemacherin Danielle Arbid zu sagen. In „Un homme perdu“ setzt sie mit suggestiver Kraft die Körper gegen die Dunkelheit: eine ebenso verwegene wie inspirierende Grenzerkundung zwischen Nähe und Abstraktion.

(Heidelberg, Karlstorkino, 25.1., 20 Uhr; O.m.frz.U.)



22. Januar 2008

Wolfgang Nierlin

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