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Filmtext

Befreiung zum Leben

Ein Bild des Abschieds steht am Beginn von Pascale Ferrans einfühlsamer Literaturverfilmung „Lady Chatterley“. Während die Kamera ruhig über die herbstlich gefärbte Natur schwenkt, zeigt sie im Gegenschnitt den verlorenen Blick einer jungen Frau. Im Verbund mit dem herrschaftlichen Anwesen im Bildhintergrund wird bereits hier jene Spannung zwischen Natur und Zivilisation, sozialem Sein und Bewusstsein angedeutet, die Pascale Ferran in ihrem höchst sinnlichen Film als Dialektik von Gefangenschaft und Freiheit versteht. Die Emanzipation der Gefühle, die lustvolle Entdeckung des Körpers und die zum Leben befreiende sexuelle Kraft, dargestellt im Spiegel der Natur und als eine dem Zeitgeist widersprechende Einheit, bilden dabei die wesentlichen Motive. Die 1960 geborene französische Filmemacherin, die sich für ihre preisgekrönte Adaption des berühmten Liebesromans von D. H. Lawrence auf dessen zweite Version „Lady Chatterley an the Man of the Woods“ gestützt hat, sagt dazu: „’Lady Chatterley’ erzählt die Begegnung zweier einsamer Menschen, die in ihren Identitäten gefangen sind und ihre Freiheit langsam wiedergewinnen.“



Diese Einsamkeit führt im beginnenden Winter des Jahres 1921 zu einer krank machenden Schwächung der Lebenskraft. Eine „verminderte Vitalität“ diagnostiziert der behandelnde Arzt bei Constance (Marina Hands). Seit ihr Ehemann Clifford Chatterley (Hippolyte Girardot), ein Leutnant und wohlhabender Minenbesitzer, schwer verwundet aus dem 1. Weltkrieg zurückgekehrt ist und infolge einer Lähmung im Rollstuhl sitzt, fühlt sich die schöne Constance auf dem großen Anwesen „Wragby“ isoliert und vernachlässigt. Ihre Tage erschöpfen sich im Gleichmaß der Ereignislosigkeit, sind grau und leer, während im Kontrast dazu der auch seelisch versehrte Clifford, als standesbewusster Technokrat charakterisiert, bei einem Veteranentreffen den rettenden Überlebenswillen glorifiziert. Als Constance einmal einen Botengang zu Oliver Parkin (Jean-Louis Coulloc’h), dem Wildhüter des Landsitzes, unternimmt und diesen in einem unbemerkten Augenblick mit nacktem Oberkörper sieht, wirkt das wie ein Schock. Fortan verändert sich für die in einem sexuellen Vakuum lebende Frau nicht nur der Blick auf den eigenen Körper, sondern sie entdeckt vor allem das auf den Anderen gerichtete, lustvolle Begehren.



Pascale Ferran inszeniert dieses sexuelle Erwachen, das vom üppigen Sprießen des Frühlings begleitet wird, als „Grenzübertritt“ (wofür der Holzzaun zwischen Gartenanlage und Wald steht) sowie als elementare, naturhafte Erfahrung. Mit konzentriertem Blick beobachtet sie ruhig und in feinen Nuancen das in konzentrischen Kreisen wachsende Verlangen der Liebenden, ihre Verwandlung in der reinen Gegenwart der Lust, die sie zu einer neuen Selbst- und Weltwahrnehmung führt. Dabei schildert Ferran den Erfahrungsreichtum dieser „Education sexuelle“, ihre ungemein sinnlich-erotische Kraft, in immer neuen, präzise voneinander abgesetzten Etappen. Diese synchronisieren die stetige Erweiterung der sexuellen Erfahrung mit der Befreiung des jeweiligen individuellen Lebens, wobei die Natur im Wechsel der Jahreszeiten nicht nur zum Spiegel körperlicher Erfüllung, sondern schließlich zu einem symbiotischen Element und Erlebnisraum wird. Pascale Ferrans „Lady Chatterley“ zeigt sehr subtil eine Verwandlung, die über die Körper in die Seelen dringt und dabei eine seltene Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern etabliert. Denn in der Liebe, so legt es zumindest ihr stimmungsvoller Film nahe, verlassen sowohl die Frau als auch der Mann ihr jeweiliges Gefängnis. (Heidelberg, Karlstorkino, 1. bis 4.2.)



15. Dezember 2007

Wolfgang Nierlin

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