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Filmtext

Der Wind wird sie tragen

„Utopie einst und jetzt“ lautet der Titel über den Schulaufsätzen, die einmal flüchtig ins Bild geraten. Wie sich die Träume und Hoffnungen ihrer Jugendjahre zur gegenwärtigen Wirklichkeit der Heldinnen verhalten und sich dabei die Aufbrüche von einst förmlich zu Ausbrüchen verdichten, ist ein zentrales Motiv in Barbara Alberts neuem Film „Fallen“. Als bildliche Klammer dient der österreichischen Filmemacherin der Blick auf eine Sommerwiese, die sich als Lichtung im Wald entpuppt und eine tiefe Ruhe ausstrahlt. Die Erinnerung ist schwarzweiß und wie ein fernes Echo. Für die Freundinnen Alex, Nina, Carmen, Brigitte und Nicole, die sich dreizehn Jahre nach der Matura, also mit Anfang Dreißig, wiedersehen, wird diese Lichtung zum verlorenen Ort einer gemeinsamen Jugend in der österreichischen Provinz. „Kangayala“ nennen sie diesen Sehnsuchtsraum für eine verschworene Freiheit, der zum „Inbegriff einer vergangenen Utopie oder Idee“ (B. Albert) geworden ist. So bleibt die Suche nach ihm zufällig und seine Merkmale, von der Zeit gelöscht, lassen sich nicht mehr identifizieren



Trauriger Anlass der Wiederbegegnung ist die Beerdigung ihres ehemaligen, allseits beliebten Physiklehrers Michael. Während der Schulchor „Heaven is a wonderful place“ singt, bricht die schwangere Nina (Nina Proll) in Gelächter aus. Am Himmel schichten sich die Wolken zu dunklen Türmen. Später, im „Gasthaus zum goldenen Kreuzer“ in der Kleinstadt Horn, stellen sich die jungen Frauen in ihrem Verhältnis zum Verstorbenen vor. Doch hinter den offiziellen Bildern liegen noch andere, die Barbara Albert immer wieder als bruchstückhafte Flashs in die Filmerzählung einfügt. So hatten beispielsweise Carmen (Kathrin Resetarits), die mittlerweile als Schauspielerin in Hamburg lebt, und Brigitte (Birgit Minichmayr), die als politisch engagierte Lehrerin die einstigen Ideale weiterträgt, eine Liebesbeziehung zum verstorbenen Lehrer. Immer wieder löst der Film Schutzschichten, kratzt er an den Oberflächen und Images, um hinter Smalltalks, Sticheleien und Rivalitäten verschwiegene Wahrheiten, aber auch tiefe Verbundenheiten sichtbar zu machen.



Die 1970 in Wien geborene Barbara Albert, die schon mit ihren Filmen „Nordrand“ (1999) und „Böse Zellen“ (2003) ein starkes Interesse an sozialen und gesellschaftlichen Realitäten formulierte, organisiert die Konfrontationen zwischen dem Vorgeblichen und dem Verschwiegenen als eine Art Stationendrama in der Provinz. So landen die Freundinnen nach einem Besuch ihrer alten Schule bald auf der Hochzeitsfeier ihres ehemaligen Freundes Norbert (Georg Friedrich), mit dem wiederum Alex (Ursula Strauss) und vor allem Nina eine Affäre hatten. In einer alkoholgeschwängerten Nacht, zwischen Eifersucht und Begehren, explodieren die unterdrückten Leidenschaften und verschwiegenen Sehnsüchte schließlich bei einem ekstatischen, enthemmten Striptease auf der Tanzfläche des „Brooklyn“. Kontrastiert werden diese Ausbrüche, in denen sich die Verzweiflung über Verluste Bahn bricht, vom stillen Schmerz nicht verheilter Wunden und gescheiterter Lebensträume. In einem dichten Gewebe aus Stimmungen, Erinnerungsbildern und Musik-Zitaten erzählt Barbara Alberts Film von diesen existentiellen Ernüchterungen, aber auch von der letztlich tiefen Freundschaft, die die Protagonistinnen trotz allem trägt – wie der Wind, dem sie sich in einer Szene des Films entgegenstellen und in den sie sich zugleich fallen lassen.





3. März 2008

 



 

Wolfgang Nierlin

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