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Filmtext

Krankheit zum Tode

Die Zukunft werde von der Vergangenheit geschluckt, die Gegenwart lasse sich nicht kontrollieren: 1973 ist der 16-jährige Ian Curtis (Sam Riley) ein romantischer Einzelgänger, der in Macclesfield, einem grauen, tristen Ort südlich von Manchester aufwächst. In der Schule träumt er sich mit großen, starren Augen in ein anderes Leben; nachmittags liegt er rauchend und mit nacktem Oberkörper auf seinem Bett und verwandelt sich zur Musik von David Bowie und Brian Ferry in ein androgynes Wesen. Zu seinen Leitsternen gehören Wordsworth und Warhol. Das Spiel mit der Geschlechtsidentiät und mit künstlerischen Einflüssen, das Experimentieren mit Medikamenten und das Provozieren mit Nazi-Symbolen sind zu diesem Zeitpunkt vor allem Ausdruck einer jugendlichen Unsicherheit und einer Suchbewegung auf fremdem Terrain. Curtis ist ein Poet mit unbestimmtem Sendungsbewusstsein, der noch nicht weiß, was er werden will. Am Anfang seines Wollens steht vielmehr die Selbstvergewisserung. Einmal verlängert er das „N“ seines Vornamens „IAN“ zu einem „M“: „I AM“ – ich bin.



Anton Corbijns Biopic über den legendären Sänger der englischen New Wave-Band Joy Division ist weder ein Musikfilm im herkömmlichen Sinn noch ein Band-Portrait, auch wenn die amateurhafte Musikszene der damaligen Zeit darin sehr anschaulich wird. Vielmehr konzentriert sich der holländische Fotograf und Videoclip-Regisseur in seinem bewegenden Spielfilmdebüt „Control“ auf die tragische Lebensgeschichte des Künstlers Ian Curtis als junger Mann, der sich im Alter von 23 Jahren das Leben nahm. Gleich in mehrfacher Hinsicht zeichnet Corbijn seinen ebenso melancholischen wie charismatischen Helden, der posthum zur Ikone der New Wave-Bewegung geworden ist, als einen Gefangenen zwischen den Welten, dem es nicht gelingt, das emotionale Chaos seiner Existenz zu ordnen und seine Berufung auszuleben. Früh verheiratet und Vater einer Tochter, verdingt er sich tagsüber als Arbeitsvermittler, während er abends bei den Konzerten sein bürgerliches Korsett abstreift und – von einem Gig der Sex Pistols inspiriert - als Sänger zunächst von Warsaw, später von Joy Division erste künstlerische Erfolge feiert. Nach einem epileptischen Anfall ist er allerdings plötzlich gezwungen, starke Medikamente zu nehmen, die sein Gefühl des Kontrollverlusts verstärken, während zugleich der äußere Erfolgsdruck wächst.



Als eine Art Krankheit zum Tode ließe sich diese extreme psychische Disposition beschreiben, die von schweren Depressionen begleitet wird und zu einem ersten Selbstmordversuch führt. Kunst und Krankheit scheinen zu verschmelzen, während Curtis das Dilemma seines Doppellebens kaum noch aushält, was sich schließlich noch verschärft, als er sich in die belgische Musikjournalistin und Botschaftsmitarbeiterin Annik Honoré (Alexandra Maria Lara) verliebt. Unfähig, sich zu entscheiden, weil jede Entscheidung unzureichend wäre, wird Ian Curtis von der Last der Bestimmung in eine absolute Ausweglosigkeit geführt. Anton Corbijns in stimmungsvollem Schwarzweiß fotografierter Film, der auf den Erinnerungen von Curtis’ Witwe Deborah (gespielt von Samantha Morton) basiert (Titel: „Touching from a distance“), macht diese innere Zerrissenheit emotional spürbar, ohne sie spekulativ auszubeuten. Dabei fokussiert er nicht nur einfühlsam und sachlich den künstlerischen Kern einer Existenz, sondern wird selbst zum poetischen Zeugnis eines Lebens.







9. März 2008

 



 

Wolfgang Nierlin

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