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Filmtext

Die verlorenen Kinder

Roman Polanskis Psychothriller „Der Mieter“ (1976), Steven Spielbergs utopischer Märchenfilm „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977), aber auch die Filme des italienischen Horrorspezialisten Dario Argento nennt der spanische Regisseur Juan Antonio Bayona als wichtigste Einflüsse für seinen nervenaufreibenden Debütfilm „Das Waisenhaus“. Deshalb evozieren auch nicht spektakuläre Gewalt- und Ekelszenen das Grauen, sondern eine unheimliche Atmosphäre, die immer bedrohlicher den Alltag der Protagonistin durchwirkt und sich in wenigen schauerlichen Schockeffekten entlädt. Dabei wird das titelgebende Haus mit seinen dunklen Gängen, mit seinen Treppen und Türen, hinter denen sich schreckliche Abgründe auftun, zum unheimlichen Mitspieler. Schon die Tapetenschichten im Vorspann, die von Kinderhänden abgezogen werden, deuten an, dass es in dem von Regisseur Guillermo del Toro („Pans Labyrinth“) produzierten Film auch um eine Grenzüberschreitung in einen dahinter liegenden, jenseitigen Raum geht. Als Reise in die Vergangenheit beschreibt „Das Waisenhaus“ insofern ein doppeldeutiges Abgleiten in eine übersinnliche, ebenso real wie wahnhaft erscheinende Wirklichkeit.



Die unterschiedlichen Realitätsschichten deuten aber auch auf eine seelische Häutung und auf die Aufdeckung einer dunklen Geschichte, in der es um die Schuldgefühle einer Überlebenden und die traumatische Erfahrung von Trennung und Verlust geht. Gerade diese Aspekte rücken Bayonas Film in eine thematische Nähe zu einem weiteren Klassiker des Genres: zu Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (Don’t look now, 1973). Auch die 37-jährige Laura (Belén Rueda), die mit ihrem Mann Carlos (Fernando Cayo), einem Arzt, und dem 7-jährigen Adoptivkind Simón (Roger Príncep) in das Haus ihrer Kindheit zurückkehrt, kann einen Verlust nicht überwinden. Denn eines Tages, nach einer Auseinandersetzung, verschwindet das Kind. Simón, der das Aidsvirus in sich trägt, ist vom Tod umfangen und besitzt vielleicht gerade deswegen die Gabe, mit den Geistern gestorbener Kinder, die durch das Haus spuken, in Kontakt zu treten. Diese „imaginären Freunde“ führen Laura schließlich zurück in ihre eigene Kindheit und zu einem furchtbaren Geheimnis, das mit ihrer eigenen Geschichte verknüpft ist.



Denn schon Laura war ein Waisenkind, das bis zu seiner Adoption im „Waisenhaus zum guten Garten“ aufwuchs. Ihr Weggang bedeutete eine Rettung; und ihr Versuch, das ehemalige Waisenhaus als Wohnheim für behinderte Kinder zu reaktivieren, deutet sowohl auf eine Wiedergutmachung und einen Wunsch als auch auf etwas Unbewältigtes hin: eine innerlich nicht vollzogene Loslösung. Ihr zunehmendes Eindringen in den jenseitigen Raum ihrer früheren Spielkameraden beschreibt diesen unterbewussten Konflikt als Schnittstelle zwischen Leben und Tod. „Man muss glauben, um zu sehen“, sagt ihr ein Parapsychologe vor einer Séance mit dem Medium Aurora, einer Figur, die Bayona als Hommage an die mysteriösen politischen Filme Carlos Sauras mit Geraldine Chaplin besetzt hat. Danach dringt Laura immer tiefer ein in eine jenseitige Welt, in der ihre Vergangenheit mit den räumlichen Tiefen des Hauses und schließlich auch mit ihrem Bewusstsein verschmilzt, das ihr auf höchst beunruhigende Weise den Rückweg ins Leben versperrt. (Heidelberg, Schlosskino 2)





15. Februar 2008

Wolfgang Nierlin

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