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Filmtext

Unter dem Schatten des Todes

Deutlich abgespeckt, dafür umso konzentrierter zeigt sich in diesem Jahr das Programm von Cine Latino, dem Festival des lateinamerikanischen Films im Heidelberger Karlstorkino. Mit rund fünfzehn Spiel- und Dokumentarfilmen sowie einem Kurzfilmprogramm aus Mexiko gibt es für den Filmliebhaber vom 17. bis 27. April dennoch genügend Stoff für Entdeckungen abseits des Mainstreams. Dies trifft allerdings nur bedingt auf den Eröffnungsabend zu, wenn mit dem nervenaufzehrenden, psychologisch abgründigen Horrorthriller „El orfanato“ (Das Waisenhaus) von Juan Antonio Bayona und Guillermo del Toros Meisterwerk „El laberinto del fauno“ (Pans Labyrinth), einer poetischen Allegorie auf den brutalen Franco-Faschismus, zwei Filme präsentiert werden, die inhaltlich mehr dem spanischen Filmschaffen zuzurechnen sind und überdies im Kino bereits ausgewertet wurden.



Verzichtet haben die Veranstalter vom Heidelberger Medienforum in diesem Jahr auch auf den traditionellen Länderschwerpunkt. Neben dem produktionsstarken Filmland Mexiko, das mit Iván Ávila Dueñas’ ebenso mysteriösem wie sperrigem „La sangre illuminanda“ (Erleuchtetes Blut) erneut seine innovative Experimentierlust bestätigt, ist es vor allem eine kleine Reihe peruanischer Filme, deren thematisch weit gefasstes Spektrum eine vertriefende Beschäftigung mit der Geschichte und Kultur eines Landes erlaubt. Während In „Mariposa negra“ (Schwarzer Schmetterling), Francisco Lombardis erstem Teil einer geplanten Trilogie über das Regime Fujimoris, eine junge Frau zu einem persönlichen Rachefeldzug gegen das „Gesetz des Dschungels“ und seine ebenso korrupten wie mörderischen Repräsentanten aufbricht, sind es im Dokumentarfilm „Tambogrande: mangos, muerte, mineria“ (Tambogrande: Mangos, Mord und Bergbau) Obstbauern, die ihr Land erfolgreich gegen die rücksichtslose Ausbeutung durch eine kanadische Bergbaufirma verteidigen. Mangos, Limonen und Orangen statt Gold und Kupfer lautet ihr Plädoyer für wirtschaftliche Selbstbestimmung und die Berücksichtigung gewachsener Arbeits- und Lebensstrukturen.



Auch Judith Vélez’ sehr komplexes Roadmovie „La prueba“ (Der Beweis) widmet sich in klar komponierten Bildern den Untiefen der peruanischen Gesellschaft, in dem sie diese auf berührende Weise an einer Familiengeschichte spiegelt. So fliegt die junge Miranda (Jimena Lindo) auf der Suche nach ihrem seit über zehn Jahren verschwundenen Vater Ignacio (Cianfranco Brero) von Lima ins südlichere Arequipa. In Sibayo, einem abgelegenen Dorf des Colca Valley, soll sich dieser aufhalten. Weil Mirandas todkranker Bruder Tomás auf eine Blutspende des Vaters angewiesen ist, drängt die Zeit. Doch tatsächlich gleicht „La prueba“ einer Elegie: Unter dem Schatten des Todes begegnet Miranda in Gestalt des engagierten Wasserbau-Ingenieurs Saúl (Pietro Sibille) nicht nur der Liebe, sondern beim endlichen Wiedersehen mit dem Vater auch einem tragischen Familienkonflikt, der eng mit der politischen Geschichte des Landes verbunden ist. Darüber hinaus reflektiert Vélez’ beeindruckender Film aber auch das kulturelle und magische Erbe des Landes.



Die sozialen Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung sind auch ein Thema im ecuadorianischen Beitrag „Qué tan lejos“ (Wie weit noch) von Tania Hermida. Ebenfalls in Form eines Roadmovies, im Tonfall allerdings sehr viel leichter, schickt die Regisseurin gleich mehrere Figuren auf die Reise, um im Unterwegssein das Land, sich selbst und den anderen besser kennen zu lernen. Dabei ist ihr eine ebenso witzige wie intelligente Komödie gelungen, die mit leiser Melancholie und schönen Landschaftspanoramen die Stimmungen austariert.







4. April 2008

Wolfgang Nierlin

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