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Filmtext

Vor dem Regen

Wie in dem 1976 entstandenen peruanischen Filmklassiker „Los perros hambrientos“ (Die hungrigen Hunde) ihres Landsmannes Luis Figueroa durchzieht auch Judith Vélez’ Spielfilmdebüt „La prueba“ (Die Prüfung) das Motiv der ausgetrockneten Erde. Eine seit langem anhaltende Dürreperiode lässt vor allem die Landbevölkerung darben und grundiert wie ein Todesfluch die Rahmenhandlung: die Fehde verfeindeter Familien ums Wasser, verendete Tiere am Straßenrand, christliche Prozessionen und magische Rituale, um den Regen zu beschwören. Das archaische Erbe der Inka-Kultur und der Respekt vor den Traditionen und Lebensweisen der Campesinos bilden in Vélez’ Film ein wesentliches, auch ambivalentes Gegengewicht zu den Überzeugungen des aufgeklärten Stadtmenschen und zur Politik der herrschenden Klasse.



Miranda Manriques (Jimena Lindo) Familie ist auseinandergebrochen: Vater Ignacio (Cianfranco Brero), einst Mitarbeiter im Wirtschaftsministerium, hat sich nach einem Korruptionsskandal durch Flucht seiner Verhaftung entzogen und ist seit über zehn Jahren verschwunden; ihre Mutter ist gestorben und Mirandas Bruder Tomás liegt mit einer lebensbedrohlichen Krankheit im Hospital. Nur ein Spender mit der seltenen Blutgruppe AB negativ könnte ihn retten. Da sein Vater dafür in Frage käme, begibt sich Miranda auf die Suche nach ihm. Die lange, körperlich beschwerliche und emotional belastende Reise führt sie von Lima über Arequipa bis in das abgelegene Dorf Sibayo im Colca Valley. Zu ihrem Begleiter wird dabei der engagierte Wasserbauingenieur Saúl Puma (Pietro Sibille), der sie in seinem Wagen mitnimmt.



Der junge Mann wird für Miranda zum Katalysator: Fremd und verloren in der weiten Landschaft und einer unbarmherzigen Sonne ausgesetzt, lernt sie die Widersprüche ihrer Heimat zwischen Tradition und Moderne, Korruption und Armut schmerzlich kennen. Zugleich begegnet sie der Liebe, ohne für dieses Gefühl offen zu sein. Als Miranda am Ende ihrem mittlerweile mit einer neuen Familie zusammenlebenden Vater gegenübersteht, verdichtet sich dessen Scheitern zur tragischen Existenz. „Mein schlechtes Gewissen hat mich ins Verderben geführt“, sagt Ignacio. In Judith Vélez’ thematisch komplexem, elegischem Roadmovie, das die gesellschaftlichen Widersprüche an einem bewegenden Familiendrama klassischen Zuschnitts widerspiegelt, muss sich die Protagonistin schließlich zwischen Rache und Vergebung entscheiden, während der lang ersehnte Regen einsetzt.

(Heidelberg, Karlstorkino, Do., 24.4., 19.30 Uhr)



5. April 2008

 



 

Wolfgang Nierlin

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