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Filmtext

Amerikanischer Alptraum

Schätzungen zufolge versuchen jedes Jahr etwa eine Million Menschen aus den Ländern Zentralamerikas und aus Mexiko illegal in die Vereinigten Staaten einzureisen. Die Filmemacher Stephanie Rauer und Rinaldo Pancera führen diesen sprunghaften Anstieg an Migranten auf das 1994 in Kraft getretene Freihandelsabkommen NAFTA zurück, das den Warenverkehr zwischen den USA, Kanada und Mexiko liberalisierte. In ihrem Dokumentarfilm „Al norte“ (Nach Norden) interessieren sie sich jedoch weniger für die wirtschaftlichen Hintergründe und Zusammenhänge, die sogenannte Armutsflüchtlinge erst hervorbringen, sondern für die individuellen menschlichen Schicksale, die hinter jeder Emigration stehen. Die lebensgefährliche Unternehmung, bei der seit 1994 etwa 4500 Menschen starben, endet nämlich in der Regel an den amerikanischen Grenzzäunen. So gelingt nur dreien von hundert Flüchtlingen die Einreise.



Ein Motto der aus ärmlichen Verhältnissen in Nicaragua, Honduras und Guatemala stammenden Migranten lautet: Man dürfe nicht zu Hause sitzen und auf das Essen warten, sondern man müsse losziehen, um es sich zu verdienen. „Al norte“ kontrastiert diese Hoffnung auf ein besseres, friedlicheres Leben mit gravierenden Rückschlägen und vielfachem Scheitern, das den amerikanischen Traum in einen Alptraum verkehrt. So porträtieren die Filmemacher beispielsweise mehrere invalide Opfer der sogenannten „Todeszüge“, die in einem privat organisierten Heim im Süden Mexikos versorgt werden und deren fast ungebrochener, von einem tiefen Gottvertrauen getragener Optimismus überrascht. Des Weiteren begleiten Rauer und Pancera die Flüchtlinge auf ihrem ebenso beschwerlichen wie gefährlichen Weg durch die Wüste von Arizona, wechseln dabei aber zugleich die Perspektive, um die Arbeit der „Border Patrol“ und der „Minutemen“, einer privaten Bürgerwehr, zu zeigen.



„Al norte“ ist ein sehr persönlicher Film, der Nähe und Verbundenheit mit den Betroffenen herstellt und beim Zuschauer um emotionale Anteilnahme wirbt. Damit klärt er zwar nicht die Hintergründe von Ungerechtigkeit und Armut, sensibilisiert aber für das Leid von Menschen, das sich hinter den statistischen Zahlen verbirgt. „Al norte“ bricht diese Anonymität auf und wird zum politischen Botschafter. Er wird zugleich zum visuellen Boten, wenn er mittels Videogrüßen zwischen den Migranten und ihren daheim gebliebenen Familien vermittelt. Mit den Einnahmen des Films wird übrigens die oben erwähnte Herberge „Jesús el Buen Pastor“ unterstützt. (Heidelberg, Karlstorkino, 25. und 26. April jeweils um 21.30 Uhr)



12. April 2008

 


Wolfgang Nierlin

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