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Filmtext

Das Schweigen durchbrechen

Wie in seinen beiden ersten Filmen “Sábado“ und „En la cama“ arbeitet der junge chilenische Regisseur Matías Bize auch in seinem neuen Film mit einem reduzierten Plot und einem damit korrespondierenden formalen Minimalismus. In „Lo bueno de llorar“ sind Raum und Zeit auf die Bewegungen eines Paars während einer Nacht verdichtet. Wie in einem Roadmovie sind Alejandro (Alex Brendemühl) und Vera (Vicenta Ndongo) unterwegs in einer Großstadt. Doch der äußere Aufbruch wird kontrastiert durch einen inneren Stillstand, eine emotionale Verhärtung, in der die Sprachlosigkeit übermächtig ist. Die beiden jungen Menschen stecken nämlich tief in einer Beziehungskrise. Sie bewegen sich regelrecht auf eine Wegscheide zu, wollen das aber nicht wahrhaben und sind zugleich unfähig, darüber zu kommunizieren. Entsprechend lange dauert es, bis sich ihre Verstockungen lösen und das Schweigen durchbrochen wird.



Matías Bize inszeniert diese allmähliche Öffnung mit dokumentarischen Mitteln in langen, ungeschnittenen Plansequenzen, die jedes Detail mit Bedeutung aufladen. Dabei folgt die Handkamera den Figuren durch enge Gassen, in die U-Bahn, auf Straßen und Plätze und schließlich mit dem Taxi zur Geburtstagsparty von Veras bester Freundin Mara. Sie erlaubt sich kleine Umwege und scheinbar das Interesse verlagernde Abschweifungen, um die beiden zu isolieren, über Dritte miteinander in Kontakt zu bringen oder aber um sie in Beziehung zu setzen zur Umwelt. Vor allem bei der Partyszene resultieren daraus harte Kontraste, emotionale Durchbrüche und die Komplizenschaft einer gemeinsamen Flucht. An deren Ende stehen Geständnisse, Verletzungen und das tiefe Bedauern über zu spät erkannte Lebenschancen. Bize gestaltet dieses Schwanken zwischen Zusammengehörigkeit und Entfremdung als melancholisches Stimmungsbild, das die „Mitte von nirgendwo“ umkreist und mit dem Blick auf die Weite des Meeres schließlich doch noch den Horizont öffnet.



23. April 2008

 


Wolfgang Nierlin

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