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Filmtext

Dieses elende Leben leben

„Keine Sau auf der Welt versteht mich! Keiner hat mich gern!“, klagt schimpfend zu Beginn des Films eine korpulente Frau ihrem nicht minder beleibten Rocker-Freund über „dieses elende Leben“. „Man muss das Beste aus seinem Leben machen. Es gibt unglaublich Schönes“, entgegnet daraufhin das tätowierte Mitglied der „Hell’s Angels“ in einem paradoxen Rollentausch; und vermittelt damit etwas über die zwischen Tragikomödie und absurdem Theater changierende Tonlage von Roy Anderssons neuem, sehr kunstvoll gestaltetem Film „Das jüngste Gewitter“ (Du Levande). Als „eine Farce über das Menschsein“ hat der 1943 geborene Regisseur, der hierzulande mit „Songs from the second floor“ bekannt geworden ist, sein Werk selbst bezeichnet. Dieses ist weniger durch eine klassische Erzählung strukturiert, sondern gruppiert eine Reihe lose verbundener, burlesker Situationen um einen philosophischen oder lebensanschaulichen Kern. Dabei entsteht ein Mosaik archetypischer Verhaltensweisen, deren Negationen nie unwidersprochen bleiben, weil diese von einem absurden, trotzigen Humor begleitet werden.



Auf seiner Suche nach Einfachheit und Reinheit hat Andersson fast jede Episode seines Films in einer einzigen, meist statischen Einstellung gedreht. Weil er dabei zugleich eine Weitwinkeloptik bevorzugt, wird aus der Totale ein Tableau, auf dem sich der in die Tiefe erstreckende Raum zu einem Bild des alltäglichen Lebens verdichtet. Die Hintergründe geben den Figuren eine Resonanz und transzendieren auf mitunter surreale Weise die auf den ersten Blick geschlossenen Orte. Diese werden dann dynamisiert, geraten regelrecht in Bewegung, etwa wenn ein Haus zum fahrenden Zug wird. Wie Luis Buñuel wechselt Andersson nahtlos von der Realität zum Traum, der dann selbst als Realität erscheint. So wird beispielsweise ein Familienvater nach einem misslungenen Tischtuchtrick wegen „groben Unfugs mit fremdem Eigentum“ zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt, während die Richter Bier trinken. „So ist das Leben“, meinen diese; „versuche dich zu entspannen!“, tröstet der heulende Anwalt den Verurteilten; und der Henker rät: „Denke an was anderes.“



Anderssons stoischer Blick, sein trockener Humor und lakonischer Erzählstil erinnern mitunter an Elia Suleimans „Göttliche Intervention“, vor allem aber an die Filme seines finnischen Kollegen Aki Kaurismäki. Auch die Patina der Bilder, ihre der unmittelbaren Gegenwart enthobene Zeitlosigkeit sowie die Mischung aus Jazz und Marschmusik deuten auf diese Verwandtschaft. Doch bei Roy Andersson behält das Skurrile und die ihm innewohnende Wahrheit die Oberhand. Wenn die Lehrerin vor ihrer Klasse in einen Weinkrampf ausbricht, weil sie von ihrem Mann als „Schlampe“ verunglimpft wurde, dann steckt dahinter eine Kränkung: Seine Frau habe ihn „Würstchen“ gescholten, sagt der Teppichverkäufer unter Tränen zu seiner Kundschaft. Immer wieder gehen die Blicke der Figuren nach draußen, nach oben, ins Unbestimmte. In dieser wiederkehrenden Verlorenheit steckt zugleich die Sehnsucht nach Geborgenheit und Glück. Auch wenn ein durch seine Arbeit ausgelaugter Psychiater behauptet: „Die Menschen sind grundlegend schlecht. Schlechte Menschen kann man nicht glücklich machen.“ Er verschreibe deshalb nur noch Pillen. (Heidelberg, Karlstorkino, 1. bis 4., 7., 12. und 14. Mai)





16. April 2008

 


Wolfgang Nierlin

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