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Filmtext

Der Unruhestifter

„Gesucht wird Jesus Christus, angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen, Verschwörung gegen die Staatsgewalt; Deckname: Menschensohn, Friedensbringer, Erlöser.“ Mit diesen im Steckbriefstil formulierten Sätzen beginnt der Schauspieler Klaus Kinski am 20. November 1971 seine Rezitation in der Berliner Deutschlandhalle. In freiem Vortrag spricht der umstrittene Mime vor etwa fünftausend Zuschauern einen dreißig Schreibmaschinenseiten umfassenden Text, den er nach jahrelanger Beschäftigung selbst erarbeitet hat. Unter dem Titel „Jesus Christus Erlöser“ erzählt Kinski in enger Anlehnung an das Neue Testament die „erregendste Geschichte der Menschheit“. Dabei radikalisiert und aktualisiert er die christliche Botschaft auf unmissverständliche, teilweise provozierende Weise: Der Gesuchte gehöre nicht der Gesellschaft an und keiner „Partei der Christen“; er sei weder ein „offizieller Kirchen-Jesus“ noch ein „Superstar“, sondern vielmehr ein „Unruhestifter“, der sich gegen ein „lebendiges Verfaulen“ richte und der den Untergang der bestehenden Ordnung prophezeie.



Schon nach wenigen Minuten regen sich unter einigen Zuschauern lautstarke Proteste: Kinski sei unglaubwürdig und ein „Phrasendrescher“, der ständig in die Luft „onaniere“. Als der Schauspieler daraufhin wütend seinen emotional verinnerlichten Vortrag abbricht, folgt auf den Spott die Beschimpfung als „Faschist“ und „Psychopath“. Der Diskussionskultur des Zeitgeistes entsprechend, fordern mehrere Zuschauer ein Rederecht und übersehen dabei, dass es sich bei der Performance um ein Schauspiel, um Sprechtheater handelt. Kinski seinerseits, verletzt und missverstanden, verlangt ein Hausverbot für die Störer. Offensichtlich wirkt bei einem Teil des Publikums die Identifikation von Dargestelltem und Darstellung so stark, dass Rolle und historische Figur, Kinski und Jesus kurzerhand gleichgesetzt werden. Der sichtlich bewegte Deklamator wiederum, der seinen Vortrag immer mehr durchleidet, reagiert auf die Zwischenrufe der „Pharisäer“ im Publikum, indem er die Worte Jesu seinerseits auf diese anwendet.



Auch wenn die Kontroversen um den Auftritt dies zunächst zu verdecken scheinen, so geht es Klaus Kinski in seinem Programm doch vornehmlich um eine Befreiung durch Liebe. „Erstickt nicht die brennenden Herzen“, lautet diesbezüglich sein Plädoyer für eine entfesselte Lebendigkeit. Dass dieses ebenso spannende wie einmalige Filmdokument endlich veröffentlicht werden konnte, ist neben Kinskis Erben vor allem dem Nachlassverwalter, Publizisten und Regisseur Peter Geyer zu danken. Unter ausschließlicher Verwendung des originalen Bild- und Tonmaterials hat er den höchst beeindruckenden „Abend mit Klaus Kinski“ rekonstruiert, der übrigens erst um zwei Uhr früh in einer kleinen, andächtigen Runde sein Ende fand. Weshalb auch die Zuschauer im Kino nicht zu früh den Saal verlassen sollten.



(Start: 15. Mai 2008)

Wolfgang Nierlin

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