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Filmtext

Schutzraum Familie
Sebastian Winkels Dokumentarfilm "7 Brüder"
Schutzraum Familie

 Ein reduziertes Set, konzentrierte Stille und Stimmen, die den weitgehend dunklen Studioraum mit erzähltem Leben füllen: Das sind die auffallendsten Merkmale von Sebastian Winkels erstem langen Dokumentarfilm „7 Brüder“. Im Verlauf von einer Woche treten die sieben Brüder der Familie Hufschmidt, geboren zwischen 1929 und 1945 in Mülheim an der Ruhr, ins Scheinwerferlicht, um einzeln und nacheinander ihre Geschichten zu erzählen. Dabei verdichtet die Montage den freien, durch keinerlei Fragen gelenkten individuellen Erinnerungsbericht der Brüder allmählich zu einem Bild der Familie, vor dessen Hintergrund die Geschwister umso deutlicher Kontur gewinnen. Die Aussagen überlagern und ergänzen sich wechselseitig und schaffen so eine Perspektivität, die gerade der geteilten Erfahrung etwas hinzufügt. Trotz Umwegen und Brüchen innerhalb der Biographien wird die Übereinstimmung und der Zusammenhalt in der Familie zum wesentlichsten Motiv.

„Es gleicht sich vieles aus dadurch, dass andere da sind“, heißt es dazu am Ende des Films, während der Kamerablick den Raum öffnet. Vor allem in der schlechten Zeit des Krieges, als die Hufschmidts auseinander gerissen werden, aber auch noch später auf den mitunter schwierigen „eigenen Wegen“ bleibt die Familie ein stets gegenwärtiger Schutzraum, in dem Kämpfe ausgetragen und Krisen aufgefangen werden können. Sie ist zugleich der Ort, an dem sich Zeit- und Mentalitätsgeschichte widerspiegelt: von der preußischen Pflichterfüllung des kaufmännisch veranlagten Vaters, der unter den Nationalsozialisten zum Mitläufer wird, bis zum jüngsten Sohn, der als Religionslehrer und aktiver Kommunist in den siebziger Jahren mit Berufsverbot belegt wird. In der Erinnerung der Brüder führt das Trennende aber immer wieder zurück zum Verbindenten, das in einem protestantisch geprägten Elternhaus und in den frühen Entbehrungen seinen Ursprung hat.

Sebastian Winkels Film ist deshalb gleich in mehrfacher Hinsicht ein wichtiges Dokument. Was ihn künstlerisch wertvoll macht, resultiert aus der Verschmelzung der einzelnen Geschichten zu einer großen Erzählung, die im Zuschauer Resonanzen erzeugt. Denn in der Teilhabe am Fremden wird das Eigene deutlicher wahrnehmbar; und alles Erzählte wirft Spiegelbilder zurück ins Leben. So entsteht auch in „7 Brüder“ die Wahrheit der Erinnerung erst in einem von vielfältigen Stimmen erfüllten fiktionalen Raum.



Info: „7 Brüder“ läuft vom 12.-15. Juni im Heidelberger Karlstorkino. Zur Vorstellung am 13.6. werden Regisseur Sebastian Winkels und vier Brüder der Familie Hufschmidt anwesend sein.

Wolfgang Nierlin

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