logo HOME//KARLSTORKINO//AKTIVE MEDIENARBEIT//ÜBER UNS//IMPRESSUM  
 HOME    KARLSTORKINO  AKTIVE MEDIENARBEIT  ÜBER UNS  NEWS[LETTER]  GÄSTEBUCH  BILDER [BLOG] 
 Über uns/angebote  technikverleih  seminare  kritiken & essays  dunkelkammer 




Hier finden Sie Texte, die über unser Filmprogramm hinausgehen, insbesondere Kritiken, Besprechungen, Quellen und weitere Materialien.

Filmtext

Kostbarer Strom des Lebens

Die Zukunft hat schon begonnen. In seinem dreiteiligen Dokumentarfilm „Über Wasser“ zeigt der österreichische Filmemacher Udo Maurer exemplarisch, wo die natürliche Ressource Wasser bereits heute in sehr unterschiedlicher Weise zu einem Synonym instabiler Lebensverhältnisse geworden ist. Überschwemmungen und Landverluste, Trockenheit und Verteilungskämpfe lauten die Facetten einer unheilvollen Entwicklung, die durch Klimawandel und Bevölkerungswachstum noch verschärft wird. Maurers Film, der in Bangladesch, Kasachstan und Kenia gedreht wurde, deutet aber auch politische Ursachen an. Im Mittelpunkt seiner eindrucksvollen Arbeit steht gleichwohl das tägliche Leben und Überleben der einzelnen Menschen. Deren eigenen, an die äußeren Bedingungen angepassten Rhythmus beobachtet die Kamera mit intimer Nähe und zugleich würdevollem Abstand. Durch eine Art Innenperspektive ist die Sprache der Bilder so dem jeweiligen Ausdruck des Lebens anverwandelt.



In Bangladesch, dem bevölkerungsreichsten Flächenstaat der Welt, dokumentiert der Film das nomadische Leben am Brahmaputra während des Monsun. Hier bewirken Regen und Flut, dass die von Schwemmland gebildeten Inseln, die sogenannten Chars, immer wieder erodieren. Ernteverluste, eine instabile Infrastruktur und ständige Umzüge mitsamt transportablen Wellblechhütten sind die Folge. Maurer zeigt die damit verbundenen täglichen Mühen in ruhigen, fast meditativen Bildern und er verleiht den persönlichen Erfahrungen der Menschen am „endlosen Strom des Lebens“, die immer wieder neu anfangen müssen, eine Stimme.



Diese individuelle, teils emotionale Vorgehensweise kennzeichnet auch die beiden anderen Episoden des Films. So lag die einst blühende kasachische Hafenstadt Aralsk einst am viertgrößten Binnensee der Welt. Doch seit der Wasserspiegel durch eine teilweise Umleitung der Zuflüsse, die der Bewässerung von Baumwollplantagen dienen, extrem gesunken ist, hat sich das Ufer des Aralsees bis zu hundert Kilometer entfernt. Die Fischindustrie brach zusammen, eine hohe Arbeitslosigkeit war die Folge. Wie Fremdkörper liegen alte, verrostete Schiffe inmitten einer Wüsten- und Steppenlandschaft. Während ein sozialistischer Propagandafilm die glorreichen Umwälzungen einer fortschrittlichen Planwirtschaft der Nachwelt vermittelt, erinnern sich ein alter Kapitän und ein arbeitsloser Fischer auf ebenso träumerische wie bittere Weise an jene schon ferne Zeit, als das Wasser noch da war. Dabei geben sie zugleich Zeugnis vom Verlust ihrer Identität.



Auch im kenianischen Kibera, dem größten, inoffiziell zur Hauptstadt Nairobi gehörenden Slum Afrikas, bilden Wasser, Überleben und Identität einen starken Zusammenhang. Gelbe 20-Liter-Kanister, deren Signalfarbe in den engen Gassen zwischen den kleinen Lehmhütten immer wieder ins Auge fällt, sind zu seinem bildlichen Ausdruck geworden. Unter hohem Zeit- und Kraftaufwand müssen die Bewohner täglich ihr Wasser an den wenigen Abgabestellen beziehen. Doch in dem halboffiziellen, von Behördenwillkür und illegalen Geschäften dominierten Wasserhandel ist nichts sicher: weder der Abgabeort und die Abgabezeit noch der Wasserpreis. Und die Ärmsten der Armen zahlen dafür den höchsten.



20. Juni 2008

 



 



 



 

Wolfgang Nierlin

HOME//KARLSTORKINO//AKTIVE MEDIENARBEIT//ÜBER UNS//IMPRESSUM