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Filmtext

Die nichts zu verlieren haben

„Wo das Meer endet und die Berge sich erheben, findest du göttliche Ruhe“, heißt es zu Beginn von Shaheen Dill-Riaz’ Dokumentarfilm „Eisenfresser“. Bezogen auf den Strand von Chittagong im Süden von Bangladesch, wo der in Berlin lebende Regisseur seine Kindheit verbrachte, klingt das wie eine ferne Erinnerung an ein längst verlorenes Paradies. Denn der wegen seiner Wassertiefe und Länge ideale Küstenabschnitt am Golf von Bengalen ist längst zur größten Abwrackzone der Welt geworden. Hier, in etwa fünfundzwanzig Werften, werden von einem Heer von Arbeitern unter primitivsten Bedingungen Ozeanriesen aus aller Welt zerlegt und verschrottet. Dabei ist der Zivilisationsmüll reicher Länder zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden und deckt achtzig Prozent des im Land benötigten Stahlbedarfs.



„Die Werftarbeit ist nur für diejenigen, die nichts zu verlieren haben“, sagt ein erfahrener Abwracker. Und das sind vor allem die Saisonarbeiter aus dem armen, von Hungernsnöten geplagten Norden, die sich als Eisen- und Seilträger für einen Sklavenlohn von etwa 1,30 Dollar pro Tag verdingen. Etwas mehr verdienen die Schweißer, die ständig den tödlichen Gefahren durch giftige Dämpfe, Ölbrände und Explosionen ausgesetzt sind. „Hier musst du immer Glück haben“, sagt einer von ihnen. Aber auch die schwere, körperlich strapaziöse Arbeit der Träger, die sich ohne Schutzkleidung und Werkzeug durch Schlamm und Dreck schleppen, birgt ihre Gefahren. Immer wieder werden sie von Vorgesetzten barsch angetrieben, immer wieder sind sie der Erschöpfung nahe. Tausende von ihnen, oft noch Kinder, arbeiten unter unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen im Abwrack-Sektor.



Saheen Dill-Riaz’ sehr persönlicher, Anteil nehmender Film handelt vom Überleben in einer lebensfeindlichen Umwelt. Er folgt individuellen Schicksalen und konzentriert sich dabei auf die durch harte Arbeit und gewissenlose Ausbeutung verursachte Not. Zugleich zeigt der Film die Kraft der betroffenen Menschen, die sich trotz allem ihren Mut und ihre natürliche Fröhlichkeit bewahrt haben. „Eisenfresser“, der den Blick der Unterdrückten einnimmt, ist aber auch ein Film über globale Wechselwirkungen, soziale Hierarchien und davon abhängende unterschiedliche Perspektiven. So sagt einer der Bosse, die Initialen des Firmennamens PHP stünden für „Peace, Happiness and Prosperity“, also für Frieden, Glück und Wohlstand“. Der blanke Hohn! Und doch wohl ernst gemeint.



5. Juni 2008



(Bundesstart: 12.6.08)



 


Wolfgang Nierlin

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