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Filmtext

Unterwegs in die Einsamkeit

Bereits in seinen vorherigen Filmen, namentlich in „Gerry“, „Elephant“ und „Last Days“, hat Gus Van Sant das Konzept einer offenen Dramaturgie verfolgt. Nicht linear und chronologisch, sondern kreisend und dabei immer wieder neu ansetzend entwickelt sich die Handlung, deren thematisches Zentrum aufgehoben scheint. Ein solches Erzählen beinhaltet Brüche, Ellipsen und Wiederholungen und erlaubt erst im Nachhinein die Herstellung von Zusammenhängen. Jedoch geht es Van Sant dabei nicht um die klassische Auflösung verschachtelter Plotstrukturen; die Leerstellen und blinden Flecke sind vielmehr integraler Bestandteil einer ästhetischen Strategie, die inhaltlich ins Ungewisse ragt und formal das Filmische radikalisiert. Der Einsatz von Zeitraffer und Zeitlupe im Verbund mit einer ausgetüftelten, experimentell anmutenden Klanglandschaft, bestehend aus komponierten Geräuschcollagen und unterschiedlichsten Musiken, evoziert immer wieder hypnotische Stimmungen. Der 1952 in Louisville (Kentucky) geborene Gus Van Sant ist ein Meister der filmischen Atmosphäre und der gedehnten Zeit, die zum Resonanzraum der erzählten Dramen wird.



Auch in „Paranoid Park“, seinem jüngsten Werk, inszeniert der Independent-Regisseur einen subjektiven, melancholischen Trip. Und er huldigt dabei einmal mehr der Jugend, deren prekäre, ungesicherte Existenz in einem steten Schwanken zwischen Freiheit und Verantwortung gefangen ist. Die halsbrecherischen Fahrten der Skater am titelgebenden Ort ihrer Treffen symbolisieren diese Suche nach dem Gleichgewicht ebenso wie den Wunsch nach Entgrenzung. Im Wechsel zu dokumentarischen Super-8-Aufnahmen wird diese verschworene Außenseiterwelt erfahrbar. Der verschlossen und introvertiert wirkende Alex Tremain (Gabe Nevins) will zu dieser coolen Community gesellschaftlicher Verlierer und Randexistenzen gehören, deren verrückten Mut er bewundert. Doch der von den Skatern illegal gebaute Park ist eine Art verbotene Zone, der ein unheimlicher Ruf und zugleich ein magisches Versprechen vorauseilt. Der aus eher bürgerlichen Verhältnissen stammende Alex fühlt sich noch unsicher. Aber sein Freund Jared (Jake Miller) sagt: „Keiner ist je bereit für den Paranoid Park“. Als Alex schließlich die imaginäre Grenze überschreitet, wird er in einen folgenschweren, traumatischen Unglücksfall verwickelt.



Alex selbst erzählt die Umstände dieser tiefe Schuldgefühle auslösenden Tat, indem er sie aufschreibt: eine Art Selbsttherapie, die der seelischen Entlastung und dem reinigenden Vergessen dient. Damit verbunden ist seine Entscheidung, zu schweigen und das Geheimnis zu wahren. Denn Alex ist psychisch isoliert, seine Beziehungs- und Kommunikationskanäle sind verschlossen. Und diese Symptome einer adoleszenten Anonymität verdichtet Gus Van Sant in „Paranoid Park“ zu einem allgemeineren Bild mangelnder Fürsorge und elterlicher Vernachlässigung. Wie ferne Schemen tauchen die Erwachsenen im Film auf, während sich Alex auf langen Schulfluren und ausgetretenen Küstenpfaden in die Einsamkeit bewegt. Hinter den Fassaden der geordneten, sauberen Einfamilienhäuser von Portland (Oregon) und dem damit verbundenen äußeren Wohlstand sind die Familien zerrüttet und die Kinder sich selbst überlassen. Ihr Vertrauen ist nachhaltig erschüttert. Zu Macy (Lauren McKinney), einer Schulfreundin, sagt Alex einmal, sein unaussprechliches Problem liege „außerhalb“, auf einer anderen Ebene. Und diese Distanz wirkt wie ein fatal sich entziehendes, kaum noch erreichbares Verlorensein. (Heidelberg, Karlstorkino, 21., 27., 28. und 30. Juli).



20. Juli 2008

 


Wolfgang Nierlin

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