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Filmtext

Auf einer spirituellen Reise im Zug des Lebens

Der US-amerikanische Filmregisseur Wes Anderson ist ein postmoderner Spieler und Spurenleger. Sein neues, zweiteiliges Werk beginnt mit einem Kurzfilm, der „Hotel Chevalier“ heißt und in einem Pariser Hotelzimmer spielt. Ein Mann und seine von Natalie Portman gespielte Ex-Freundin proben ihre Trennung zwischen unentschlossener Nähe, sexuellem Begehren und vorgetäuschter Gleichgültigkeit. Während Peter Sarstedt „Where do you go to (my lovely)“ singt, stellt die Frau Fragen, die der Mann völlig beliebig beantwortet. Spätestens der Schwenk über die Dächer von Paris zeigt, wie sehr diese Szene in ihrem Modellcharakter mit Filmgeschichte aufgeladen ist. Der schöne Schein des Zitats, seine Hülle, macht den Inhalt austauschbar. Anderson spannt darüber feinsinnig ein locker geknüpftes Netz aus Zeichen und Referenzen, die wahlweise spiegelnde Oberflächen oder Plotstrukuren generieren oder einfach sich selbst genügen.



Die Initialen „JLW“ auf einem Koffer, das leitmotivische Musikstück Sarstedts, der orangefarbene Bademantel aus dem Hotel, ein Parfüm mit dem Namen „Voltaire No.6“, schließlich der Mann aus dem Hotelzimmer selbst, der Jack Whitman (Jason Schwartzman) heißt und Schriftsteller ist: All das begegnet uns auch im zweiten, sehr viel längeren Teil des Films, der „Darjeeling Limited“ betitelt ist und überwiegend im gleichnamigen Zug spielt, dessen Route im Nordwesten Indiens durch die Wüstenregion Rajasthan verläuft. Anderson setzt das Statische gegen das Dynamische, um Bewegung in festgefahrene Beziehungen zu bringen. Und auch hier wählt er einen indirekten Zugang, dekonstruiert er gegen die Erwartungen der Zuschauer Erzählstrukturen, um die Metapher des abgefahrenen Zuges einzuführen. Dieser fährt tatsächlich davon. Aber nicht der von Bill Murray gespielte Geschäftsmann, der keuchend am Bahnsteig zurückbleibt, führt ins Zentrum der Geschichte, sondern die Figur des ebenfalls hinterher rennenden Peter Whitman (Adrien Brody), der den Zug noch erreicht, in dem er mit seinen beiden Brüdern verabredet ist.



Francis (Owen Wilson) heißt der dritte und älteste der ungleichen Brüder, der gerade einen schweren Motorradunfall überlebt hat. Mit bandagiertem Kopf und einem Arsenal von Schmerzmitteln begrüßt er seine misstrauischen Geschwister zu einer „spirituellen Reise“, um die Brüder enger zusammenzuschweißen. Doch die notwendige Offenheit und das gegenseitige Vertrauen, das der sich als Erzieher und Verwalter des Familienerbes aufspielende Francis fordert, können sich gegen die „Lagerbildung“ zunächst nicht behaupten. Auch die erhoffte „lebensverändernde Erfahrung“ will sich nicht einstellen, weil die Brüder auch in der Fremde im eigenen Leben gefangen bleiben. Francis, Peter und der „einsame Wolf“ Jack haben sich noch immer nicht von ihrer Familie emanzipiert. Schwer lastet auf ihnen der Tod des Vaters und die Abwesenheit der Mutter Patricia (Angelica Huston), die nach einem „mentalen Zusammenbruch“ jetzt als Nonne in einem christlichen Kloster im Vorgebirge des Himalaja lebt – dem von Francis zunächst verheimlichten Ziel der Reise.



„Wir haben uns noch nicht lokalisiert“, heißt es einmal, nachdem sich der Zug angeblich verfahren hat. In Wes Andersons Railmovie “Darjeeling Limited”, das sich einmal mehr mit verkorksten Familienbeziehungen, ihren Folgen und der Suche nach der eigenen Identität auseinandersetzt, besitzt dieser Satz natürlich eine übertragene Bedeutung. So flieht Peter vor seiner bevorstehenden Vaterschaft und Frauenheld Jack stürzt sich in ein erotisches Abenteuer mit der indischen Zugbegleiterin Rita (Amara Karan). Doch trotz aller Orientierungslosigkeit finden die Brüder in zahlreichen tragikomischen Abenteuern schließlich zu einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Befördert wird das sowohl in der Konfrontation mit Tod und Trauer, als auch im Blick auf das gerettete beziehungsweise neugeborene Leben. „Der Heilungsprozess ist noch nicht zu Ende“, heißt es einmal gegen Ende des Films, der das Leben in eine Zugfahrt mit verschiedene Abteilen verwandelt und dabei die Gleichzeitigkeit individueller Lebensweisen betont. Die Kunst, so thematisiert Anderson mit einem Augenzwinkern, wirkt dabei wie ein Therapeutikum und ähnelt – zumindest in der von Jack in Paris geschriebenen Erzählung „Luftwaffe Automotive“ – haargenau der Wirklichkeit. (Heidelberg, Kamera)



11. Januar 2007

Wolfgang Nierlin

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