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Filmtext

Eine Insel der Sex-Seligen

Von der Freiheitsstatue aus beginnt ein symbolischer Vogelflug über New York. In John Cameron Mitchells Film „Shortbus“ ist das zunächst der Blick auf eine Modellstadt, die stellvertretend einen Wirklichkeitsverlust artikuliert. Mit den Anschlägen vom 11. September hat sich die Realität brutal zurückgemeldet und einen andauernden Schockzustand ausgelöst. Unter dieser Prämisse markieren die immer wiederkehrenden Unterbrechungen der Stromversorgung ein gefährdetes Gleichgewicht, zumindest aber einen labilen Zustand, der ein Gefühl der Unsicherheit und mangelnden Vertrauens auslöst. Wie unter einer Dunstglocke liegt diese nie schlafende Stadt, die in „Shortbus“ kaum sichtbar wird und die, so einer ihrer ehemaligen Bürgermeister, neben dem Alten immer wieder das Neue hereinlässt: „New York ist der Ort, an den jeder kommt, um Vergebung zu finden.“



Dann öffnen sich, zu den Takten eines swingenden Basses, Fenster, hinter denen echte Menschen wirklichen Sex haben, was Mitchells Film unverhüllt zeigt. Im Flug wird die Grenze zwischen innen und außen, Fiktion und Wirklichkeit auch im Hinblick auf die Darstellung von Sexualität im Film verschoben und zugleich eine zweite Wirklichkeitskonzeption behauptet: die Selbstgewissheit im geschlechtlichen Vollzug beziehungsweise die Wahrheit körperlicher Vereinigung. Aber gerade diese ist gestört bei den Figuren, deren Konflikte der Film in parallelen Handlungssträngen thematisiert. So leidet der depressive James (Paul Dawson), der seit langem mit Jamie (PJ DeBoy) in einer schwulen Liebesbeziehung lebt, an der Unfähigkeit, Gefühle an sich heranzulassen. Über seine einsamen Schmerzen dreht er ein Video, das zu einer Art visuellem Abschiedsbrief werden soll. Zusammen mit seinem Freund sucht er die Paartherapeutin Sofia (Sook-Yin Lee) auf, deren Problem es wiederum ist, in ihrer sexuell ekstatischen Ehe noch keinen Orgasmus erlebt zu haben. Die Domina Severin (Lindsay Beamish) will ihr dazu verhelfen und erhofft sich im Gegenzug Hilfe bei der Bearbeitung ihrer gestörten Selbstwahrnehmung.



Therapeutischer Schnittpunkt dieser Krisen ist der titelgebende Nachtclub „Shortbus“, ein „Salon der Begabten und Behinderten“, wie Szeneguru Justin Bond, Transvestit und Zeremonienmeister des Etablissements, sagt. Hier wird auf geradezu utopische Weise sexuelle Freizügigkeit, Toleranz und Offenheit gelebt, werden – wie unter den Hippies der sechziger Jahre – Leben, Kunst und Sex zu einer Einheit. Die Lust an der Verkleidung, am spielerischen sexuellen Crossover, an esoterischen Geschlechterdebatten und rauschhafter Selbsterfahrung feiern hier noch einmal fröhliche Urständ. Im „Sex statt Bomben-Raum“ gibt es ausschweifenden Gruppensex und im „Mösenpalast“ analysieren Frauen ihre Orgasmen. Als Ort ist „Shortbus“ eine Versöhnungsphantasie und eine Insel der Sex-Seligen; als Film, der mit einer furiosen Montage in einem von Kerzenlicht beleuchteten, pathetischen Vereinigungsfinale mit vielen emotionalen „Durchbrüchen“ kulminiert, beschreibt er ebenso verspielt wie witzig erfüllte Sexualität als Heilmittel. Der ausdrücklich erklärte Verlust an Hoffnung macht „Shortbus“ jedoch zugleich zum Tanz auf dem Vulkan. 





20. Oktober 2006

 


Wolfgang Nierlin

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