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Filmtext

Borderline aus Trugbildern und Verrat

Was ist Wahrheit und was Lüge? In Steve Buscemis gleichnamigem Remake von Theo van Goghs 2003 entstandenem Film „Interview“ bleibt die Antwort auf diese Frage bis zum Schluss in der Schwebe. Zu schillernd ist das Spiel mit Images und vorgeblichen Identitäten, als dass sich im Dschungel der Selbstinszenierungen noch eine klar markierte Unterscheidung zwischen fiktivem und wirklichem Leben treffen ließe. Die Uneindeutigkeit ist quasi der Nährstoff der Figuren, ihrer Existenz: Sie charakterisiert und strukturiert ihr Dasein in der medialen Öffentlichkeit und wird in den Abbildern der Medien wiederum reproduziert. Dabei ist die kammerspielartige Versuchsanordnung in ihrer raum-zeitlichen Verdichtung äußerst klar: Ein Mann und eine Frau, ein Journalist und eine Schauspielerin verbringen anlässlich eines Interviews zusammen eine Nacht, in der sie sich ein ausuferndes Rededuell voller Ironie liefern. Ohne festes Ziel belauern und verletzen sie sich gegenseitig; sie stoßen sich ab und ziehen sich an, um sich schließlich ihre tiefsten „Geheimnisse“ zu gestehen.



Dabei liefern ihre Berufe eine Vorbedeutung zum gefährlichen Spiel mit dem Schein. Während der frühere Kriegsreporter und politische Journalist Pierre Peders (Steve Buscemi) wegen „erfundener Quellen“ in seinen Reportagen bei der Zeitung „Newsworld“ zurückgestuft wurde, verkörpert die angesagte Schauspielerin Katya (Sienna Miller) auf den ersten Blick das typische Bild eines oberflächlichen, erfolgsverwöhnten Starletts. Durch B-Movies, Horrorfilme („Killer Body 4“) und als Hauptdarstellerin der TV-Soap „City Girls“ berühmt geworden, der breiten Öffentlichkeit aber vor allem aufgrund ihrer Bettgeschichten und einer Brustverkleinerung bekannt, steht Katya für Peders von vornherein unter dem Generalverdacht der Oberflächlichkeit. Demonstrativ begegnet er der blonden Schönheit mit Vorurteilen, unverhohlenem Desinteresse und Verachtung. Keine gute Basis für ein ungeliebtes, zudem unvorbereitetes Interview. Dabei zeigt sich Katya gegen alle Erwartungen auch noch ironisch, angriffslustig und unberechenbar. Offensichtlich entspricht sie nicht dem Bild, das von ihr kursiert.



Vor allem die schwarzen Gedanken der koksenden Trinkerin irritieren den zynischen „pillenfressenden Alkoholiker“ Peders nachhaltig und bewirken zugleich eine gefährliche Nähe zu seinen eigenen schweren Erfahrungen. Denn die gegenseitigen Geständnisse, die aus dieser plötzlichen Verschworenheit resultieren, könnten auch vorsätzliche Täuschungen sein. Schließlich wird im Kampf um Sensationen und kommerzielle Verwertbarkeit schamlos Vertrauen missbraucht. In Steve Buscemins Film „Interview“ sind die Fiktionen der Kunst allerdings wahrer als die Lügen ihrer medialen Ausbeutung, weshalb die Schauspielerin dem Journalisten immer einen Schritt voraus ist. Spannend, abwechslungsreich und mittels einer Dramaturgie der Unterbrechungen beschreiten die Protagonisten jenen schmalen Grat, der einer Borderline aus Trugbildern und Verrat ähnelt. Auf Umwegen gelangen sie so zu einem Gespräch, das nie beginnt. Die dabei sichtbar werdenden Narben provozieren jedoch höchst zweifelhafte Geschichten. (Heidelberg, Karlstorkino, 13. und 18.8.)





9. August 2008

Wolfgang Nierlin

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