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Filmtext

Doppelte Heilung

Die junge Frédérique, genannt Fred (Isild Le Besco), aus Jeanne Waltz’ Film „Pas douce“ (Die Unsanfte) reiht sich ein in jene Galerie trauriger Kinoheldinnen, die in einem gefährdeten, unbehausten Dasein gefangen sind. Wanda, Mona und Rosetta lauten ihre Namen. Im modernen Autorenfilm sind sie zu Stellvertreterinnen eines krisenhaften weiblichen Lebensgefühls geworden. In den Filmen von Barbara Loden, Agnès Varda und den Brüdern Dardenne balancieren sie über einem Abgrund, dessen Beschreibung ebenso konkret wie unbestimmt bleibt. Allein und ohne Halt, ausgesetzt und verloren, aber auch widersprüchlich und eigensinnig entziehen sie sich dem schnellen Verständnis und einer uneingeschränkten Anteilnahme. Auch Freds innere Unruhe macht sie zu einer Getriebenen, die aggressiv und abweisend die Distanzen zu ihrer Umgebung nur noch vergrößert. Zwischen Erschöpfung, Fluchtphantasien und Selbstmordgedanken scheint sie jeglichen Halt zu verlieren.



„Ich kann nicht mehr!“, sagt Fred, die als Krankenschwester im Nachtdienst arbeitet und selbst seelisch versehrt ist. Die Metapher der Grenze spaltet gewissermaßen ihre Persönlichkeit, die Verletzungen zufügt und diese zugleich pflegt und die darüber hinaus die Nähe zu den Toten nicht scheut. Dazu passt, dass die aus der Schweiz stammende Jeanne Waltz ihre Geschichte in einem kleinen, nebligen Ort an der Grenze zu Frankreich angesiedelt hat. Freds Beziehung zu André (Christophe Semet), der als Zollbeamter in den Bergen arbeitet, ist gerade zerbrochen. Mit ihrem Vater hat sie sich offensichtlich schon vor längerer Zeit unversöhnlich überworfen. Von der Mutter und von etwaigen Geschwistern erfährt man nichts. „Ich bin nicht sanft“, sagt die betrunkene Fred beim Sex mit den Männern, die sie in der Kneipe ihrer Freundin Rita abgeschleppt hat. Ihr paradoxes Leben verlangt förmlich nach einem Schnitt. Mit einem Karabiner, den die ehemalige Juniorenmeisterin noch aus ihrer aktiven Zeit als Schützin besitzt, will sie sich im Wald umbringen.



Sie schießt allerdings auf Marco (Steven Pinheiro de Almeida), einen etwa 15-jährigen Schüler, der in einem unkontrollierten Augenblick Freds selbstzerstörerische Kräfte auf sich zieht, als müsste in einem letzten, sich selbst schützenden Reflex die Aggression auf einen anderen umgelenkt werden. Da die unbekannte Täterin in der Folge für die Pflege ihres am Knie verletzten Opfers zuständig ist, sie zwischen Schuld und Reue quasi ein Doppelleben führt, vertieft das Freds Spaltung in einem kaum noch erträglichen Maß. „Ich habe keine Art mehr“, diagnostiziert sie schonungslos den Zerfall ihrer Persönlichkeit. Doch dann entdeckt sie in dem zunächst schroff unzugänglichen Marco, der als Scheidungskind aufgewachsen ist und voller Aggressionen steckt, ihr eigenes Spiegelbild. Je mehr sie dessen Wildheit zähmt, desto stärker kommt sie in Kontakt mit sich selbst. Die sich entwickelnde wechselseitige Annäherung wirkt als doppelte Heilung. So wird das von Jeanne Waltz psychologisch genau beobachtete Drama einer weiblichen Identitätskrise zu einer modernen, vielfach gebrochenen Geschichte über Schuld und Vergebung. Erst in der Sorge um den anderen, der ihr zum Spiegelbild wird, findet die Protagonistin einen Weg zu sich selbst.



(Heidelberg, Karlstorkino, 9., 12. und 13.10., jeweils 19.30 Uhr)



16. Juni 2008

 


Wolfgang Nierlin

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