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Filmtext

Mit leeren Händen

Eine stille Verlorenheit umgibt diesen zurückhaltenden Mann, dem fast ohne eigenes Zutun und deshalb tragisch allmählich alles entgleitet: Seit über dreißig Jahren arbeitet Slimane Beiji (Habib Boufares), Einwanderer aus dem Maghreb, in einem Trockendock der südfranzösischen Hafenstadt Sète. Jetzt wird der 61-Jährige entlassen. Er arbeite zu langsam und ineffektiv und sei zudem nicht flexibel genug, erklärt ihm sein Vorgesetzter. Ein struktureller Wandel der Arbeitswelt schwingt in diesen Begriffen mit und wird bald darauf auch thematisiert. Wenn der wortkarge Slimane seiner Familie, von der er sich getrennt hat, frischen Fisch mitbringt, ist die Abwehr größer als die Freude. Der Kühlschrank quillt davon bereits über und als Ersatz für die Unterhaltszahlung ist das zu wenig. Slimanes Hände sind leer, obwohl oder weil sie stets alles gegeben haben – für seine Familie, seine Kinder. „Ich habe nichts und ich werde nichts hinterlassen“, sagt er zu seiner neuen Lebensgefährtin, die ein Hotel mit Bar führt. Slimane bewohnt hier ein kleines, einfaches Zimmer. Er ist ein alter Immigrant, ein Gast zwischen allen Stühlen: ohne Heimat, ohne Arbeit, ohne Familie.



Man könnte auch sagen, er besitze alles doppelt. In Abdellatif Kechiches neuem, vielfach preisgekröntem Film „Couscous mit Fisch“ (La graine et le mulet), den der 1960 in Tunis geborene Regisseur und Schauspieler seinem Vater gewidmet hat, charakterisiert diese innere Zerrissenheit die erste Generation von Einwanderern. Ihren Kindern haben sie den Weg geebnet und sich dafür in gewisser Weise geopfert. Als sich Slimane entschließt, einen alten Frachtkahn mit Namen „Source“ in ein Schiffsrestaurant umzugestalten, rückt seine mithelfende Familie noch einmal solidarisch zusammen und verleiht einem starken Gemeinschaftsgefühl Ausdruck. Doch mit dem Procedere von Behördengängen und Genehmigungsverfahren wiederholt sich gewissermaßen unterschwellig die Geschichte des Fremdseins und die mit ihr verbundene Diskriminierung. Zugleich werden in dem stark nach außen verteidigten Familienzusammenhalt immer deutlicher Risse sichtbar und Brüche zwischen den Generationen: Slimanes Sohn Majid (Sami Zitouni), der als Touristenführer arbeitet, ist ein notorischer Schürzenjäger, der seine Frau betrügt und sie damit in schiere Verzweiflung stürzt.



Trotzdem feiert Kechiche in „Couscous mit Fisch“, seinem bislang persönlichsten Film, mit dokumentarischem Blick, genauer Milieukenntnis und in ausufernden Dialogen die Familie: ihre innere Ordnung, die Sinnlichkeit ihrer (kulinarischen) Feste, die selbstbewusste Stärke und moderierende Kraft ihrer Frauen und schließlich ihre Solidarität. „Ich wollte vor allem von einer Gemeinschaft erzählen und von einer sozialen Schicht“, bekennt der Filmemacher. Zugleich ist sein in der Darstellung von großer Wahrhaftigkeit getragener Film eine Hommage an „die kleinen Dinge des Lebens“.





9. September 2008

Wolfgang Nierlin

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