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Filmtext

Schriftsteller mit persönlicher Haftung

Ohne Utopie sei der Mensch ein Lebewesen ohne Transzendenz, hat Max Frisch einmal geschrieben und damit implizit die Beweggründe seines politischen Engagements, vielleicht von Handeln überhaupt, gemeint. Matthias von Guntens Dokumentarfilm „Max Frisch, Citoyen“ - der Titel legt dies bereits nahe - folgt dieser Spur bürgerschaftlicher Verantwortung und Einmischung, die aus dem Schriftsteller eine öffentliche Figur macht, bis in die existentiellen Verästelungen des bekannten Schweizer Autors. Denn im Zusammenklang von Kunst und Leben war das Schreiben für Frisch über die pure „Machlust“ hinaus stets auch ein Mittel, um zu überleben. Als „Gebilde der Angst“ hat er deshalb seine Werke einmal bezeichnet. Daneben sind sie aber vor allem Sand im Getriebe politischer Ideologien und staatlicher Apparate. Schon früh entwickelte Frisch ein kritisches Verhältnis zur so wenig „radikalen“ Schweiz, deren Geheimpolizei ihn überwachte; den Begriff der Heimat empfand der Weltbürger dabei als höchst zwiespältig.



Seinen Kollegen Günter Grass charakterisierte Frisch als einen „Schriftsteller mit persönlicher Haftung“. Dieser Ausdruck trifft auch auf den 1911 in Zürich geborenen Autor und Citoyen Frisch selbst zu. Ein „Hinterfrager“ sei er gewesen, sagt etwa sein treuer Freund und Weggefährte Peter Bichsel. Frisch habe eben nicht nur „gefragt“, sondern „hinterfragt“, was teils wütende und hasserfüllte Reaktionen hervorrief, wie ein diesbezüglich eindeutiger Leserbrief belegt. Andererseits war der renommierte Schriftsteller aus diesem Grunde immer wieder als kritischer Gesprächspartner gewünscht, auch wenn seine Ansichten vorhersehbar von denjenigen seiner Gastgeber abwichen. So besprach sich Bundeskanzler Helmut Schmidt mit Frisch und anderen Intellektuellen während der krisenhaften Phase des deutschen Linksterrorismus. Und US-Außenminister Henry Kissinger lud den Autor des Romans „Stiller“ zusammen mit seinem Verleger Siegfried Unseld gar ins Weiße Haus, um seine Meinung über den Einmarsch von US-Truppen in Kambodscha einzuholen.



Hier findet sich schließlich die markante Trennlinie zwischen den Handlungszwängen einer Realpolitik, die mitunter in unauflösbaren Dilemmata gefangen ist, und dem utopischen, aber nicht minder welthaltigen Denken des Künstlers. Gemessen an der Faktizität politischen Handelns erscheint etwa Kissinger eine solche Haltung unverbindlich. Gerade diese notwendigerweise spannungsreiche Beziehung lotet Matthias von Guntens Film aus, indem er Frischs künstlerische Biographie entlang der Zeitgeschichte erzählt und dabei die entsprechenden Archivaufnahmen durch eine kontinuierliche, vom Bündner Autor Reto Hänny mit verhaltener Melancholie gesprochene Lesung aus Max Frischs Werken, vor allem aus seinen bedeutenden Tagebüchern, kommentiert. Interviews mit Zeitzeugen und private Filmaufnahmen Frischs ergänzen dieses stimmungsvolle politische Künstlerportrait, in dessen Zentrum neben der Frage nach der persönlichen Identität das einschneidende Erlebnis von Krieg und Holocaust steht. Der in den Nachkriegsjahren zunächst als Architekt arbeitende Max Frisch, der den unfasslichen „Aufbau einer Tötungsindustrie“ als einen „schwarzen Fels“ mitten auf dem Weg apostrophiert, vermutet diesbezüglich, dass uns „das eigentliche Entsetzen“ noch nicht erreicht habe. Und eine stille Verzweiflung über das eigene Geschichts- und Menschenbild liegt in Frischs pessimistischer Frage: „Wäre es ohne Ruinen gegangen?“



(Heidelberg, Karlstorkino, 8. bis 11.1.09)



13. Dezember 2008

Wolfgang Nierlin

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