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Filmtext

Prekäre Unabhängigkeit

„Arbeit und Handel sind unser Leben, Geld ist unsere gemeinsame Sprache“, heißt es in einem Lied am Beginn von Ben Hopkins Film „Pazar – Der Markt“. Sein Protagonist Mihram (Tayanç Ayaydin) ist ein solcher Kleinhändler in einer Welt des Mangels und der darbenden Wirtschaft. Im Grenzgebiet der Osttürkei entsprechen im Jahre 1994 10 Millionen Lira ungefähr 10 Dollar. Zwar kann Mihram mit einem Bein in der Illegalität alles beschaffen, doch seine Geschäfte gehen trotzdem schlecht und seine Familie kommt gerade so über die Runden. Der sympathische Verlierer, der oft „nur“ für einen Gotteslohn arbeitet, ist gefährdet durch die Trink- und Spielsucht, doch im Herzen sei er „ein guter Mann“, sagt seine Frau Elif (Senay Aydin). Als Einzelkämpfer mit Prinzipien verteidigt er seine prekäre Unabhängigkeit gegen die Einkassierungsversuche der örtlichen Mafia. Denn insgeheim spart er für eine überteuerte Lizenz, um einen Laden für Handys auf einem aufstrebenden, lukrativen Markt zu erwerben.



Ein Trip mit Schmugglerware ins nahe Aserbaidschan soll den finanziellen Durchbruch bewerkstelligen. Weil Mihram dabei zugleich sein Gewissen entlasten will, dient seine Mission „eigentlich“ der Beschaffung eines dringend benötigten Impfstoffes. Begleitet wird er dabei von seinem studierten Onkel Fazil (Genco Erkal), einem schrulligen desillusionierten Alten, der zum Gleichmut rät: „Wirf deine Sorgen weg!“ Obwohl sich die Geschäfte, spannend inszeniert als ebenso harter wie  intensiv ausgespielter Verhandlungspoker, zunächst gut anlassen, bleiben die Rückschläge nicht aus. Und dieser Wechsel zwischen kleinen, hoffnungsvollen Siegen und einem grundlegenden, vielleicht unausweichlichen Scheitern, dargestellt an den auch moralischen Dilemmata eines kleinen Händlers, markiert Ben Hopkins‘ ambivalenten Blick auf die große Welt der Geschäfte. Im geschlossenen System des globalen Kapitalismus werden die Kleinen geschluckt, behauptet ausgerechnet Mihrams mafioser Gegenspieler Mustafa (Hakan Sahin). Mit nüchternem Realismus und leisem Humor erzählt Hopkins‘ sorgfältig gestalteter Film vom Verlust der Unabhängigkeit, ohne dabei dem moralischen Ausverkauf das Wort zu reden. Oder werden wir am Ende alle zu Hunden, wie Fazil meint, angewiesen auf das Gegengift des Vergessens?





(Mannheim, Cinema Quadrat, 31.1. bis 4.2., jeweils 19.30 Uhr)

 



 

Wolfgang Nierlin

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