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Filmtext

Auszeit

Undank ist der Welt Lohn, müssen sich die beiden Brüder Carlo (Alessandro Gassman) und Pietro Paladini (Nanni Moretti) sagen, nachdem sie entschlossen und mit wagemutigem Einsatz zwei Frauen vor dem Ertrinken gerettet haben. Ihre gute Laune, eine Mischung aus kindsköpfigem Spieltrieb, Abenteuerlust und typisch männlicher Frotzelei wird dadurch kaum getrübt. Antonello Grimaldi inszeniert in der Exposition zu seinem Film „Caos calmo“ (Stilles Chaos), der auf dem gleichnamigen Roman von Sandro Veronesi basiert, den Überschwang der Gefühle und eine unbekümmerte Lebensfreude vor allem deshalb so deutlich, damit der darauf folgende Kontrast umso schmerzlicher fühlbar wird. Denn kaum zu Hause angekommen, wird Pietro mit dem plötzlichen Unfalltod seiner Frau Lara konfrontiert, was schockartig das Umschlagen der Stimmung einleitet. Der Film „Stilles Chaos“ trägt insofern dieses Wechselbad der Gefühle und seine tragikomischen Implikationen bereits in seinem Titel.



Schon in seinem selbst inszenierten Film „La stanza del figlio“ (Das Zimmer meines Sohnes) spielte Moretti einen Vater, der durch den tragischen Verlust seines Kindes traumatisiert wird. Während in diesem Fall jedoch die Familie allmählich auseinanderbricht, geht es in „Caos calmo“ um eine Veränderung der Perspektive, vielleicht einen Neubeginn. Ruhig und auf melancholische Weise fast gelassen wirkt Pietro in seiner Trauer, wobei seine ungewohnte Introvertiertheit kaum etwas über seine Seelenarbeit, gar über sein Verhältnis zu der Verstorbenen verrät. Vielmehr kompensiert der erfolgreiche Pay TV-Manager seine psychische Erschütterung damit, dass er sein Leben radikal entschleunigt, seine äußere Bewegung förmlich einfriert und auf ein Minimum reduziert. Statt an den brisanten Fusionsverhandlungen des schwergewichtigen Medienkonzerns teilzunehmen, begleitet er lieber seine 10-jährige Tochter Claudia (Blu Yoshimi) zur Schule, um fortan täglich auf einer Bank im lauschigen Park vor der dem Gebäude auf sie zu warten. Während andernorts das geschäftige Treiben weitergeht, hält Pietro ohne Plan und Ziel einfach inne, was bei seinen Freunden und Kollegen zunächst auf Unverständnis stößt. Ein neuer Rhythmus, neue Gewohnheiten kündigen sich an. Zu Pietros sich wiederholenden Ritualen im veränderten Alltag gehört das Spiel mit einem behinderten Kind und die Begegnung mit der schönen Jolanda (Kasia Smutniak), die täglich ihren Hund ausführt und dabei Zeugin wird vom regen, verwirrenden Besucherinteresse, das den unkonventionellen Interimsaussteiger bald umgibt.



Während der stoisch gewordene Manager im Geist sein Leben inventarisiert, indem er Listen von Fluglinien, mit denen er schon gereist ist, von ehemaligen Wohnungen und ungeliebten Dingen anfertigt, kommt die Welt zu ihm in den Park: Seine exaltierte Schwägerin Marta (Valeria Golino) klagt ihm ihr Liebesleid; Bruder Carlo belagert ihn mit aufmunternder Anteilnahme; die Geschäftspartner ersuchen ihn um Rat und Unterstützung; und schließlich meldet sich auch noch Eleonora (Isabella Ferrari), die Gerettete vom Anfang des Films, bei ihm. Als eine Art Kummerkasten für die Sorgen und Nöte seiner Mitmenschen wird Pietro ebenso plötzlich wie unfreiwillig zu einem modernen Heiligen und Therapeuten. Irgendwie kommt er in seiner Auszeit nicht zur Ruhe; doch vermutlich hilft ihm gerade die Anteilnahme an den Problemen der anderen in seiner Trauerarbeit, die ihren Rückhalt in einer Art temporären Ersatzfamilie findet. In „Caos calmo“ erwächst gerade aus diesem Zusammenhang die Chance auf einen Neubeginn. Und diese Perspektive ist wohl auch der Grund, weshalb Antonello Grimaldi dem schweren Thema eine gehörige Portion Leichtigkeit beigemischt hat.



19./20. Januar 2009



(Bundesstart: 29.1.09)

 


Wolfgang Nierlin

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