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Filmtext

Mit Mitmenschlichkeit und religiöser Toleranz gegen Vorurteile

Äußerst komplex und facettenreich erzählt der französische Regisseur Philippe Faucon in seinen Filmen vom schwierigen Leben nordafrikanischer Einwanderer in Frankreich. Offener Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen und religiösen Gruppen ist dabei die eine Seite, oftmals noch verstärkt im Spiegel aktueller politischer Auseinandersetzungen. Andererseits verläuft die Konfliktlinie mitten durch die jeweilige Community selbst und hier vor allem durch die Familie, wo übermächtige Traditionen und moderne Lebensanschauungen wuchtig aufeinander prallen. Der Ort dieser Differenzen liegt quasi zwischen den Generationen, Geschlechtern und Sprachen, wobei in Faucons Filmen das Ausmaß der dicht gefügten Bezüge überrascht. Sein bereits 2000 entstandener Film „Samia“ liefert hierfür ein beeindruckendes Beispiel. Die Innenperspektive einer algerischen Familie in Marseille gleicht mitunter dem Blick in ein Gefängnis: „Draußen ist Frankreich, hier drinnen Algerien“, begründet etwa der älteste Sohn die rigide Unterdrückung seiner Schwestern und gibt damit die selbst erfahrenen Demütigungen und die eigene Perspektivlosigkeit weiter.



Trotzdem möchte Philippe Faucon diesen teils drastischen Einblick lediglich als Beispiel unter anderen verstanden wissen. Bei seinem Besuch im Heidelberger Karlstorkino, wo der 1958 im marokkanischen Oujda geborene Filmemacher im Rahmen der Filmtage des Mittelmeeres über seine Arbeit sprach, betonte er das Individuelle seiner Geschichten, zu denen es immer auch noch Gegenbeispiele gebe. Gleichwohl neigt man als Zuschauer dazu, die einzelnen Phänomene als gesellschaftliche Abbilder zu nehmen. Dieser Eindruck wird verstärkt durch Faucons dokumentarischen Stil, seine genaue authentische Milieubeschreibung, den Einsatz von Laienschauspielern und nicht zuletzt durch seine fast thesenhafte Verdichtung des atemlosen Geschehens. Sein neuer Film „Dans la vie“ (2008) liefert hierfür gleich zu Beginn ein eindringliches Beispiel, wenn die junge arabischstämmige Krankenschwester Selima zunächst mit dem Rassismus eines französischen Patienten konfrontiert wird, kurz darauf einen jüdischen Haushalt betritt und schließlich bei einem Familienessen ihren modernen Lebensstil rechtfertigen muss.



Immer wieder geht es in Faucons Filmen darum, wie Einwanderer einen Platz innerhalb der französischen Gesellschaft suchen und behaupten, also um die Schwierigkeiten von Integration. In „Dans la vie“, der auf Erfahrungen seiner Frau Yasmina Nini-Faucon basiert, fokussiert der Regisseur hingegen primär auf den interkulturellen Dialog zwischen Arabern und Juden, verschärft durch den Libanonkrieg im Jahre 2006 und in diesen Tagen durch die blutigen Ereignisse im Gaza-Streifen von unverminderter Aktualität. Subtil und humorvoll schildert Faucon die Freundschaft zwischen zwei alten Damen, einer Jüdin und einer Araberin, die durch Erinnerungen an ihre gemeinsame Heimat Algerien miteinander verbunden sind und die sich mit Mitmenschlichkeit und Toleranz gegen Vorurteile und Anfeindungen wehren. Auch hier betont der Filmemacher im Publikumsgespräch den Beispielcharakter seiner Erzählung: Etwa wenn der Imam eben nicht Hass, sondern gegenseitigen Respekt lehrt. Geradezu vorbildhaft praktizieren die beiden selbstbewussten Frauen in diesem Sinne religiöse Toleranz und kulturellen Austausch. Die „kreative Authentizität“ der beiden Laienspielerinnen, die bei den Dreharbeiten für „Dans la vie“ ihre ersten Filmerfahrungen sammelten, habe bei ihm einen „tiefen Eindruck“ hinterlassen, bekennt Faucon. Und fügt hinzu, dass sie dafür beim Filmfestival im belgischen Mons mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurden.



18. Januar 2009

 




 




 


Wolfgang Nierlin

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