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Filmtext

Weltbühne des alltäglichen Lebens
Weltbühne des alltäglichen Lebens

 Das Fenster als zunächst unsichtbare Grenze zwischen innen und außen setzt das wechselvolle Verhältnis von Nähe und Distanz ins Bild. In Viktor Kossakovskys Film „Tishe!“ (Pssst!) vermittelt das Kamera-Auge den subjektiven Blick des Regisseurs, um ihn mit dem Zuschauer zu teilen. Wir blicken auf eine St. Petersburger Straße, die zur kleinen Weltbühne des alltäglichen Lebens und zufälliger Begebenheiten wird. Ein Jahr lang hat der russische Filmkünstler dem mühsamen Treiben vor dem Fenster seiner Wohnung zugeschaut und darin die ebenso komischen wie absurden Abbilder des menschlichen Daseins entdeckt. Das vermeintliche Dokument der laufenden Ereignisse ist jedoch hochgradig inszeniert: Der gestaltende Beobachter zoomt sich mit seiner digitalen Kamera in die abstrakten Mikrostrukturen des Asphalts, er wechselt die Stimmungen und Perspektiven, er fügt seine Beobachtungen in den Wechsel der Jahreszeiten ein und er kommentiert die Geschehnisse mit Musik. Wenn sich ein Fensterflügel schließt oder das Wasser der Fassadenreiniger gegen die Scheiben prasselt, wird für Augenblicke die unsichtbare Grenze sichtbar und in ihrer subtilen Unterscheidung zwischen realistischem Abbild und filmischer Fiktion durchbrochen. Kossakovsky selbst nimmt sich davon nicht aus, wenn er mit dieser Dialektik spielt und für einen Moment als Spiegelbild im Fenster erscheint.

Ganz selbstverständlich reflektiert er damit auch die Rolle des modernen Künstlers, der mit radikaler Subjektivität dem Unerwarteten auflauert und zum Autor zufälliger Entdeckungen wird. Kossakovskys filmischer und produktionstechnischer Minimalismus forciert das noch und schafft Verbindungen zu einer experimentellen Praxis. Auf seine Ästhetik bezogen, sucht „Tishe!“ zugleich Verbindungen zum Stummfilm: Die meist fixen Einstellungen und fast unmerklichen Schwenks vermitteln das ebenso wie der leichte Zeitraffer, der die Bewegungen der Menschen ins Slapstickhafte verzerrt. Im Verbund mit den gezeigten Phänomenen erinnert dieser Tonfall an die lakonisch skurrilen Geschichten des in St. Petersburg geborenen Autors Daniil Charms.

Davon gibt es auch im Film „Tishe!“ eine stattliche Anzahl. Sie werden gewissermaßen vom Alltag geschrieben und vom fortwährend Hypothesen bildenden Zuschauer identifiziert. Zumindest fast. Denn warum das bestimmte Straßenstück vor dem Fenster des Regisseurs von Arbeitern immer wieder aufgerissen und neu asphaltiert wird und dabei die Größe der Baustelle proportional zu den eingesetzten Arbeitsgeräten stetig zunimmt, bleibt bis zum Schluss ein wenig rätselhaft. Die Wiederholung als Wiederkehr des Gleichen ist diesem zweifelhaften Tun eingeschrieben, das sich mit dem Wechsel der Jahreszeiten verbindet. Scheinbar sinnlos wird es für den Betrachter gerade durch die Distanz. Wir sehen Straßenkehrerinnen, die viel Staub aufwirbeln und zu einem anderen Zeitpunkt den Dreck von den Fassaden wieder herunterwaschen. Automotoren laufen warm, während die Autofahrer wartend im Auspuffnebel ihrer Fahrzeuge stehen. Ein junger Mann wiederum wartet mit Blumen auf seine Freundin, dabei wird er vom Hund einer alten Frau beschnüffelt wird. Ein anderes Paar streitet und versöhnt sich abwechselnd im strömenden Regen. Groteske Szenen, deren jeweiliger Hintergrund von der Tristesse maroder Verhältnisse getönt ist. Der Zerfall dominiert die vergeblichen Versuche der Erneuerung. Viktor Kossakovskys filmische Antwort stellt der Geschäftigkeit des Tages die kontemplative Ruhe stiller Abende und wechselnder Naturstimmungen gegenüber. Wo das Tagwerk innehält, scheint auch das Leben neuen Atem schöpfen zu können. (Heidelberg, Karlstorkino, 25.-29.9.)

Wolfgang Nierlin

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