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Filmtext

Das Leben der anderen

Die Idee zu dem filmischen Triptychon stammt vom dänischen Meisterregisseur Lars von Trier und firmiert unter dem Projektnamen “Advance Party”: Auf der Grundlage eines von Lone Scherfig und Anders Thomas Jensen entworfenen Figurenarsenals, das mit denselben Schauspielern besetzt ist, sollen drei debütierende Filmemacher einen jeweils eigenständigen Plot entwickeln und realisieren. Das erste Ergebnis dieses Experiments stellt die Regisseurin Andrea Arnold mit ihrem Film „Red Road“ vor, der beim Festival in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde. Darin geht es um eine Glasgower Sicherheitsbeamtin, die eines Tages über die Bilder eines ihrer zahlreichen Überwachungsmonitore mit einer noch offenen, schmerzhaften Wunde aus ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert wird.



Der überaus spannende Arbeitsplatz in der Firma mit dem sprechenden Namen „City Eye Control“ ist an der immer durchlässiger werdenden Schnittstelle zwischen öffentlichem und privatem Leben angesiedelt. Andrea Arnold ist jedoch weniger an den politischen Implikationen des brisanten Themas interessiert, sondern zeigt ihre Protagonistin im Spannungsfeld von Nähe und Distanz. Während Jackie Morrison (Kate Dickie) aus einer sicheren Anonymität heraus routiniert ihre Bildschirme überwacht und dabei auswählt und interpretiert, schleichen sich kleine Vertraulichkeiten mit den täglich wiederkehrenden Observierten ein. Jackie nimmt Anteil am Leben der anderen; sie entwickelt Gefühle, die freilich einseitig bleiben müssen. Und sie erlebt die Ohnmacht einer Beobachterin, die eine Straftat sieht, ohne direkt eingreifen zu können.



Jackie gibt diese einseitige, mediale Distanz schließlich auf, als sie auf einem Monitor den frühzeitig aus der Haft entlassenen Clyde Hendersen (Tony Curran) entdeckt, der vor Jahren den Unfalltod ihres Mannes und ihrer kleinen Tochter verursacht hat. Als Verfolgerin, die Rachepläne entwickelt, wird die unter Kontaktarmut leidende Heldin zur Grenzgängerin zwischen den Wirklichkeiten und Milieus. Vor allem in der realistisch genauen Beschreibung der sozialen Lebens- und Arbeitsverhältnisse nimmt sich der Film Zeit und erreicht eine beachtliche Intensität. Weniger stark wirkt hingegen die kriminalistisch nicht ganz plausible Lösung des eigentlichen Konflikts, in dem es um Trauer, die Verarbeitung eines Verlusttraumas und Vergebung geht. Trotz dieser Einschränkung verdichtet sich in „Red Road“ der Blick auf das Leben der anderen zu einer streckenweise eindringlichen Studie über den schmalen Grat zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, vielfach gespiegelt an der Einsamkeit und dem tragischen Lebensschicksal einer jungen Frau.





12. Januar 2009

 




 


Wolfgang Nierlin

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