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Filmtext

Schlupflöcher für den Zufall

In Lars von Triers Filmen geht es immer auch um eine Reflexion des Mediums und um das verwirrende Spiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Seit seinen Dogma-Experimenten ist dabei die Begrenzung der Möglichkeiten durch die Auferlegung festgesetzter Regeln zur künstlerischen Strategie geworden. Die Abgabe von Kontrolle und Verantwortung soll das Medium dem Zufall und damit dem Unvorhergesehenen öffnen. Denn nur jenseits der Planbarkeit, so scheint es ihm, blitzt in raren Momenten die Wahrheit auf. Für seinen neuen Film „The boss of it all“ hat Lars von Trier deshalb mit einem Aufnahmeverfahren gearbeitet, das er „Automavision“ nennt. Dabei werden nicht nur Tiefenschärfe, Fokus und Belichtung von einem Rechner gesteuert, sondern auch die Schauspieler müssen vor der fix stehenden Kamera „ihren“ Bildausschnitt finden. Unter der aufgerauten, nicht perfekten Oberfläche sucht der dänische Regisseur also erneut nach Schlupflöchern für den Zufall.



Als eine „harmlose Komödie“, die lediglich unterhalten wolle, bezeichnet Lars von Trier selbst seinen Film aus dem Off, während er und sein Filmteam sich kurz in einer Fensterscheibe spiegeln. Dass es sich um eine Reflexion des Mediums handle, dementiert der Regisseur dabei sofort, auch wenn er später zwecks Spannungssteigerung noch mehrmals in die Handlung eingreift. Seine Komödientheorie delegiert er wiederum an seine Figur Kristoffer (Jens Albinus), der als Schauspieler eine besondere Rolle übernimmt: Als titelgebender Boss of it all“ soll er in einer IT-Firma jenen Chef spielen, der bislang nur als Phantom bekannt ist und hinter dem sich in Wirklichkeit sein Auftraggeber Ravn (Peter Gantzler) verbirgt. Vor allem soll der Boss die Übernahmeverhandlungen mit einem isländischen Investor führen, der den verschuldeten Betrieb kaufen möchte. Dabei wird Kristoffer mit „Altlasten“, verschwiegenen Informationen und unangenehmen Enthüllungen konfrontiert, die ihn fortwährend zwingen, seine Rolle zu überdenken und an die neuen Erfordernisse anzupassen.



„The boss of it all“ entwickelt gerade aus diesem dynamischen Prozess einer permanenten Positionsänderung, der voller Ungewissheiten steckt, seinen Reiz. Denn im fortgesetzten Kontrollverlust sich verzweigender Fiktionen spiegelt sich nicht nur das prekäre Verhältnis zwischen Wahrheit und Lüge, sondern auch die wechselnden Machtverhältnisse zwischen dem Boss hinter der Szene und demjenigen davor. Womit Lars von Trier als Regisseur und Spielleiter schließlich auch sein Verhältnis zum ästhetisch „vorgeformten“ Medium und den Schauspielern reflektiert, insofern er die Bedingungen des Filmemachens mit den Stacheln des Zufalls torpediert und so in einen kreativen Schwebezustand versetzt.





27. Januar 2009

 




 


Wolfgang Nierlin

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