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Filmtext

Mit Schockeffekten gegen politische Phrasen

Seit gestern steht die französische Stadt Clermont-Ferrand ganz im Zeichen des 31. Internationalen Kurzfilmfestivals. Mit etwa 3000 akkreditierten Fachbesuchern und rund 150.000 Zuschauern ist die traditionsreiche Veranstaltung in der Auvergne nicht nur das größte seiner Art, sondern neben Oberhausen und dem finnischen Tampere auch das wichtigste Forum für den Kurzfilm, sagt Matthias Vogel. Der 30-jährige Filmemacher und sein Koregisseur Thomas Oberlies sind in diesem Jahr mit ihrem ziemlich verstörenden Docufictionfilm „Arbeit für Alle“, einer wüsten Mischung aus bissiger Politsatire und martialischem Splattermovie, für den Wettbewerb des Festivals eingeladen worden. Besonders gefreut hat die beiden Filmfreaks, die einst zum Studium nach Heidelberg kamen und seit etlichen Jahren in der hiesigen Filmszene um das Medienforum im Karlstorbahnhof aktiv sind, dass ihr 12-minütiges Werk in Clermont-Ferrand auf ein „normales Publikum“ trifft, was ihren Intentionen entgegenkommt. Zuvor war die gefakte Dokumentation mit dem bluttriefenden Finale nämlich vor allem bei Fantasyfilmfesten gelaufen, so etwa bei dem renommierten Festival im spanischen Sitges.



„Wir hoffen, mit diesem Film aus der Horror-Schmuddelecke herauszukommen“, sagt der Jura-Doktorand Matthias Vogel mit ironischem Unterton. In Wirklichkeit sei ihr Film politisch grundiert, insofern er sich mit der aktuellen Diskussion um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit beschäftige. Dezidiert geplant sei dies allerdings nicht gewesen; vielmehr habe eine absurde Realität mittlerweile die Fiktion des Films eingeholt. Dieser zeigt im Stil einer vorgetäuschten Fernsehreportage zunächst das Pilotprojekt einer fiktiven Agentur für betreutes Arbeiten. Hier werden Arbeitnehmer im Rentenalter von jungen Betreuern in ihrem Arbeitsalltag begleitet und unterstützt, womit, so ein Befürworter des innovativen Konzeptes, rein arbeitstechnisch „zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen“ werden. Wie das im zugespitzten Fall des von Wilfried Elste gespielten, an den Rollstuhl gefesselten 78-jährigen Zombiejägers Janssen aussehen könnte, zeigt auf drastische Weise „Arbeit für Alle“.



Gerade dieser formale Bruch sei, so Thomas Oberlies, gegen eine etwaige Vorhersehbarkeit gesetzt und solle die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf das eigentliche Thema lenken. Und der 1972 in Ludwigshafen geborene, mittlerweile promovierte Mathematiker ergänzt: „Wenn man durch das durchgegangen ist, fühlen sich die politischen Phrasen ziemlich bescheuert an.“ So wundert es nicht, dass ihr gemeinsam verfasstes Drehbuch, das von einer Ausschreibung der Kulturstiftung des Bundes zum Thema „Zukunft der Arbeitswelt“ angeregt wurde, bei diversen Fördergremien auf Ablehnung stieß. Bis schließlich eine Förderprämie des Bundeskulturstaatsministers in Höhe von 10.000 Euro und Geld aus dem Topf der Bundesfilmförderung den Weg zu einer professionellen Produktionsfirma ebnete. Ein Novum für die beiden aufstrebenden Talente, die ihre bisherigen Filme weitgehend selbst produzierten. Und zugleich ein notwendiger Schritt, denn die aufwendigen Action-Szenen mit ihren vielen Spezialeffekten, die in einer leerstehenden Großküche eines Berliner Krankenhauses gedreht wurden, versammelten mitunter bis zu hundert Mitarbeiter auf dem Set, wobei ausgewiesene Profis für die Realisation verantwortlich zeichneten.



Die Uraufführung der insgesamt 35.000 Euro teuren Produktion fand schließlich vergangenen Sommer im Heidelberger Karlstorkino statt. Für Matthias Vogel ein „Heimspiel außer Konkurrenz“, denn der Film lief dort im Rahmen der von ihm selbst mitinitiierten Veranstaltung mit dem kultigen Titel „Zum Goldenen Hirsch“, die im Wechsel mit dem Mannheimer Cinema Quadrat ausgetragen wird. Hier trifft sich der Filmnachwuchs der Metropolregion, um Filme zu zeigen und sich im Austausch darüber kennenzulernen, was Vogel und Oberlies vor allem im Hinblick auf Anfänger für enorm wichtig halten. Zugleich werde an jedem dieser Abende ein Preis in Form eines „kleinen, klebrigen Pokals“ und einer 100 Euro-Prämie bar auf die Hand ausgelobt, was für den nötigen „Motivationsschub“ sorge. Im Sommer treffen sich die bisherigen Gewinner dann zum Wettstreit um den sogenannten „Endhirsch“, bevor, so Matthias Vogel, „die Jagdsaison 2“ beginne.



Info: Das 31. Festival du Court-Métrage de Clermont-Ferrand findet statt vom 30.1. bis 7.2.09. „Zum Goldenen Hirsch“ No.7 gibt es am 25.2.09 im Heidelberger Karlstorkino.

 




 




 




 



29./30. Januar 2009

 




 


Wolfgang Nierlin

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