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Filmtext

Poetischer Akt eines Traumtänzers

Schon als Kind sei er leidenschaftlich gerne geklettert, sagt Philippe Petit. Der 1949 geborene Jongleur und Hochseilartist vermutet, dass er damit „der Zeit entfliehen“ oder „die Perspektive wechseln“ wollte. Vor allem sein atemberaubender Seiltanz vom 7. August 1974, als der französische Abenteurer 44 Minuten lang in einer Höhe von 417 Metern zwischen den Zwillingstürmen des New Yorker World Trade Centers balancierte, ist Ausdruck dieser unbändigen, Raum und Zeit transzendierenden Freiheitslust. Als geradezu unwiderstehlich bezeichnet Petit mit emphatischer Geste diesen Drang, der ihn zu einem „Schiffbrüchigen auf der Insel meiner Träume“ mache. In der Tat trägt sein außerordentliches Vorhaben von Anfang an märchenhafte Züge, in denen Petits Traum, sein mangelnder Realitätssinn und seine enthusiastische Suche nach Schönheit zusammenfließen. Dazu passt, dass es dem kreativen Autodidakten mit seiner Aktion nicht um einen Rekord ging, sondern um einen poetischen Akt.



James Marshs Film „Man on wire“, der auf Petits Buch „To reach the clouds“ basiert, rekonstruiert in Interviews, nachgestellten Spielszenen und Dokumentaraufnahmen die Stationen dieser eigentlich unmöglichen Unternehmung. Rasant geschnitten, zeitlich verschachtelt und spannend wie ein Krimi entwickelt Marshs Film eine beachtliche Dramatik, die, durch Rückschläge und emotionale Verwicklungen verstärkt, ihrem magischen Höhepunkt entgegen strebt. Dabei zeigt der englische Filmemacher die ausgedehnten konspirativen Vorbereitungen des „Coups“, die sich über Monate hinzogen und wegen der Illegalität mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden waren. Eingebettet in diese Vorgeschichte sind auch Philippe Petits spektakuläre Aktionen als Seiltänzer zwischen den Kirchtürmen von Notre Dame und zwischen den Pylonen der Hafenbrücke in Sydney. Der Reiz des Illegalen und die rebellische Geste des provozierenden Künstlers erweisen sich dabei als maßgebliche Triebfedern für den erfinderischen Artisten und seine verschworenen Verbündeten.



Als Petit auf seiner „Reise zum Himmel“ schließlich in „dämonischer“ Höhe zwischen den Türmen schwebt, ist die Schönheit dieses unwirklich erscheinenden Anblicks überwältigend. Im Akt des Seiltanzes, der ebenso vom Tod wie von grenzenloser Freiheit gerahmt wird, verdichten und konzentrieren sich die Kräfte und Energien des Lebens. Die Balance auf dem Seil wird zum Bild für das Leben an der Grenze und zum Ausdruck eines gesteigerten Lustempfindens, an dem schließlich, so deutet der Film an, auch Freundschaften zerbrechen. Petits berühmter Drahtseilakt erzählt insofern eine Geschichte von Freiheit, Geheimnis und Verrat. Er habe nicht mit dem Leben gespielt, sondern das Leben über das Seil getragen. Auch wenn in „Man on wire“ die Anschläge vom 11. September nie explizit thematisiert werden, so sind sie an vielen Stellen des Films doch als dunkle, zerstörerische Kehrseite des hier individuell realisierten Freiheitstraumes präsent.





5. Februar 2009

 




 


Wolfgang Nierlin

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