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Filmtext

Filmischer Romantizismus
Filmischer Romantizismus

 Eine Geschichte zwischen Realität und Traum, im Off von einem Schriftsteller aus der Erinnerung erzählt: Schon der Titel von Nicole-Nadine Deppés Debütfilm "Pipermint – das Leben, möglicherweise" spielt mit dem filmischen Konjunktiv. Alles könnte auch anders gewesen sein, behauptet der Erzähler und benennt damit das Modell für Fiktionen. Zugleich suggeriert die konkrete Bildergeschichte, dass alles genau so war. Oder sich unter dem Gewand wechselnder Darstellungen doch zumindest gleich bleibt. Deppés Trick, die erzählerische Verantwortung in der Schwebe zu halten, zeugt vom Versuch, eine Aura des Geheimnisvollen und Märchenhaften zu evozieren. Die Absichten der Inszenierung treffen sich hier mit dem Sujet: Sie errichtet der Flucht vor der Wirklichkeit, von einem jungen Mädchen mit unbedingter Ausschließlichkeit betrieben, ein filmisches Refugium.

Die Zeichen des Eskapismus sind zahlreich: Das jugendliche Geschwisterpaar Zoé (Luisa Soi-Kaiser) und Theo Mint (Marek Harloff) begibt sich zusammen mit dem kleine Artur (David Zohlen) auf einen Trip an die kroatische Adria-Küste. Die Gründe dafür sind nicht so wichtig. Entscheidender ist das Unterwegssein, das den Freiheitsdrang der Protagonisten in die Sprache des Roadmovies übersetzt. Die sowieso labilen Bezugssysteme und Konventionen verlieren weiter an Gewicht, der Raum zeigt seine poetische Fülle. Entsprechend finden die drei in einer alten, verfallenen Villa den für sie idealen, romantischen Rückzugsort. "Wir sind eine Bande", sagt die 16-jährige Zoé, deren vereinnahmende Bruderliebe in der Missachtung des autonomen anderen eine empfindliche Grenze berührt. Ihre utopische Sehnsucht nach Verschworenheit, Abgrenzung und Verschmelzung, ablesbar an zunehmender äußerer Verwahrlosung, muss zwangsläufig zu Unverständnis und Konflikten führen. Zumal sich Theo in die einheimische Sanja (Meret Becker) verliebt und sich Artur mit dem alten, schreibenden Sonderling und "Katzendompteur" Mendel (Sami Frey, gesprochen von Otto Sander) befreundet.

Die Regisseurin Nicole-Nadine Deppé forciert die Realitätsflucht ihrer Heldin, indem sie mit "Pipermint" eine Gegenwelt überbordender Sinnlichkeit kreiert. Bilder voller Lebendigkeit und ausgesuchter Schönheit, die selbst noch die Sprache der Körper und ihre Verletzungen erfassen, erzeugen eine visuelle Botschaft, deren poetische Bürde den inneren Dramen leider zu oft eine Statistenrolle zuweist. Als würde die Idee der Erzählung deren Notwendigkeit zurückdrängen. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, weshalb die Bilder von "Pipermint" fortwährend ein Gefühl der Wiedererinnerung hervorrufen, als erschöpfte sich die künstlerische Kraft des Films in einem System von Referenzen.

(Heidelberg, Karlstorkino, 3.-5.10.)

Wolfgang Nierlin

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