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Filmtext

Die Kraft der Vers÷hnung
Die Kraft der Vers÷hnung

 Gleich bei seiner Uraufführung beim Filmfestival von Venedig, wo Andrej Swjaginzews Spielfilmdebüt „The Return – Die Rückkehr“ im vergangenen Jahr den Goldenen Löwen gewann, wurde der nachhaltig beeindruckende Film mit den Werken des russischen Filmkünstlers Andrej Tarkowskij verglichen. Wie bei seinem Vorbild und Landsmann spürt man auch bei Swjaginzew eine starke innere Haltung und einen unbedingten künstlerischen Ausdruck. Sein Film ist sorgfältig und genau gearbeitet, durch eine klare Gliederung auf das Wesentlichste konzentriert und dabei atmosphärisch dicht erzählt. Zugleich beinhaltet die realistische Fabel eine Reihe religiöser Motive, die zusammen mit dem parabolischen Geschehen verschiedene Lesarten des Films eröffnet. „Die Rückkehr“ ist aber auch ein modernes Roadmovie, das perspektivisch den Raum erschließt und erweitert und dabei eindringlich eine Geschichte vom Erwachsenwerden schildert.

„Der Film versucht zum größten Teil, einen mythologischen Blick auf das menschliche Leben zu werfen“, sagt Andrej Swjaginzew. Sieben Tage, von Sonntag bis Samstag, umfasst der Zeitrahmen der Erzählung, die mit einer Mutprobe und dem Erlebnis der Urangst beginnt und mit einem Tod endet, der den Kulminationspunkt eines Verwandlungsprozesses bildet. Zwei Brüder in der ersten Wirren der Pubertät, die im Prolog des Films entzweit werden, finden in der Auseinandersetzung und Versöhnung mit ihrem übermächtigen Vater wieder zusammen.

Dieser taucht nach jahrelanger Abwesenheit plötzlich und wie aus dem Nichts auf. „Jetzt ist er da“, heißt es über seine schiere Präsenz, die im folgenden zunehmend einer machtvollen Allgegenwart ähnelt und deren Geschichtslosigkeit sich einer Identifizierung entzieht. Allerdings wird diese Tabula rasa neben diversen Spekulationen der Kinder mit biblischen Motiven beschrieben: So zeigt ihn die erste Einstellung in Anlehnung an Andrea Mantegnas berühmtes Bild in der Haltung des toten Christus, bevor er als Familienoberhaupt und Herr des Hauses Brot und Wein austeilt. Später entdecken die beiden Brüder auf dem Dachboden in einem Buch mit Bibelillustrationen ein altes Familienfoto aus glücklicheren Tagen. Die aufgeschlagene Seite zeigt Abrahams Opferung des Isaak.

Unbedingten Gehorsam, Achtung und Respekt fordert der Vater (Konstantin Lawronjenko) auch von seinen Söhnen, die er am nächsten Tag auf eine Reise zu einer entlegenen, menschenleeren Insel mitnimmt. Mit geradezu alttestamentarischer Strenge und unnachgiebiger Autorität versucht der rätselhafte Patriarch seine Kinder zu erziehen und lebenstüchtig zu machen. Immer wieder sind die beiden gezwungen, Mut, Stärke und Selbstdisziplin zu zeigen. Während der ältere Junge Andrej (Wladimir Garin) mit stiller Bewunderung den Befehlen des Vaters folgt, lehnt sich der jüngere, traumatisierte Iwan (Iwan Dobronrawow) offen gegen ihn auf. Seine Frage nach den Motiven des Vaters bleibt unbeantwortet. Gleichwohl ist die Vater-Figur ambivalent angelegt: Hinter dem undurchdringlichen Gefühlspanzer strahlt für Augenblicke eine sorgende Liebe auf, die beschützt und teilt, Selbstvertrauen vermittelt und im Opfer versöhnt. Insofern greift Iwans Behauptung, der Vater brauche seine Kinder nicht, zu kurz. Gerade in der wechselseitigen Abhängigkeit von Lehrer und Schüler liegt für Swjaginzew die sakrale Bedeutung des Verhältnisses zwischen Vater und Sohn.

Wolfgang Nierlin

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