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Filmtext

Shadow of the Vampire
Für eine Kritik ist dieser Filmtitel schon das Statement: Ist es nur der Schatten eines Gruselfilms oder ist es eine ironische Quintessenz über die Leidenschaft zum Film?



Für viele Besucher war der Film ganz offensichtlich eine Enttäuschung: J. Malkovich in der Rolle als F.W. Murnau ist schauspielerisch unterfordert und im Vergleich zum expressiven Spiel der Rolle des Orlok (W.Dafoe) selbst eher ein Schatten. Die Namen aber gerade dieser beiden Darsteller sowie die Legende um den Gruselklassiker Nosferatu waren der Kredit dieses Films. Und jeder, der mit den Erwartungen in diesen Film hineingeht, die man sowohl den beiden Schauspielern als auch der historischen Vorlage entgegenbringt, dürfte kaum auf seine Kosten kommen. Doch bevor ich hier die Textschablonen eines Filmkritikers herunterschreibe, will ich hier die Gedanken skizzieren, die dieser Film provoziert hat.



Es gibt diesen alten Glauben in autochthonen Gesellschaften, daß ein Bild von einem Menschen die Macht über die Seele dieser Person fesseln würde. Touristen, denen Einheimische vor ihrer Kamera davonrennen, geben sich gegenüber diesem Verhalten entweder amüsiert oder verärgert. Wie soll man auch einem solchen Kinderglauben anders begegnen als mit dem aufgeklärtem Unverständnis eines Erwachsenen gegenüber den eigensinnigen Schlußfolgerungen eines Kindes. Daß das aber mit dem Glauben an die Macht der Bilder so seine Bewandtnis hat, davon haben aber auch eben die Menschen in den high-tech-Gesellschaften eine konkrete Ahnung, auch wenn sie einen Glauben daran strikt leugnen würden. Auch in der jüdischen, islamischen und in der christlichen Religion weiß man um die Dämonie der Bilder und entsprechend zentral ist für sie das religiöse Bilderverbot.... "Du sollst dir kein Bildnis machen".



Dieses Gebot ist für Filmemacher zweifellos immer wieder eine Herausforderung, der sie nur mit Ignoranz begegnen können - zumindest im industriellen Zusammenhang. Just von dieser verflixten Situation erzählt eben der Film "Shadow of the Vampir" - und das mit skandinavischem Humor. Murnau dreht seinen Nosferatu-Film in den Studios von Berlin, aber keiner vom Team oder der Produktion weiß, wer nun die Hauptrolle, den Vampir spielen soll.



Murnau fährt mit seinem Team in die Karpaten und konfrontiert seine Leute mit einer Figuren, die alle in Faszination und Schrecken versetzt. Vermutet man in dieser Gestalt erst noch einen Schauspieler der "Russischen Schule", so wird dem Drehbuchautor bald klar, daß es sich um einen wirklichen Vampir handelt. Murnau hat diesem Blutgrafen die Hauptdarstellerin versprochen, wenn er niemand anderen vom Team beißen würde und der Film fertiggestellt werden könnte. Trotz allerlei Komplikationen, diverser Bißwunden und einem Showdown in Kammerformat wird der Film abgedreht und schließlich ist allen klar, wer wirklich der Vampir ist: das Kameraauge.



Wie "Irma Vep", so ist auch "Shadow of the Vampire" eine Reflexion über den Film und weniger eine konventionelle Story. Und damit findet der Klamauk auch seinen Witz. Für jeden offensichtlich sind Murnau und Graf Orlok die Gegenspieler und die Schauspielerin Greta das klassische Opfer. Sie sagt zu Beginn auch den entscheidenden Satz, der - weil er ein Topos ist - kaum Notiz findet. Sie sei Bühnenschauspielerin, aber vor einer Kamera könne sie nicht spielen, dieses Ding nähme ihr das Leben. Sie wird tatsächlich in der Schlußszene wie auf einem Altar geopfert, aber sie ist auch die einzige, die in ihrer desperaten Sinnlichkeit noch eine Idee von Leben in der inszenierten Wirklichkeit verkörpert. Wie strikt eben das alltägliche Leben in der Wirklichkeit des Filmes ausgegrenzt wird, zeigt sich, als eine Dorfbewohnerin in eine Drehszene hineinplatzt und niemand damit umgehen kann, am wenigsten Murnau, der diese Menschen wegen ihrer Authentizität als Statisten in seinem Film sehen will. Die Personen Murnau und Orlok verschwinden aber zugunsten der Mittel, der sie sich bedienen. Orlok, das schrullige Monster aus den Karpaten, wird zu dem, was sein Fluch ist: zum seelenlosen Beißerchen, und Murnau verwandelt sich vom Regisseur immer mehr zum Mann hinter der Kamera. Statt auf dem Set zu dirigieren, ist seine Bewegung zum Schluß nur noch ein Kurbeln.



Was dem einen seine Zähne sind, ist dem anderen also die Kamera und so wie Orlok anderen das Blut aussaugt, so nimmt die Kamera den Beteiligten immer mehr das Leben. Doch im Gegensatz zu Orlok überlebt Murnau das Desaster, weil der Drehbuchautor im letzten Moment das Sonnenlicht in die Studiokulisse fallen läßt und der Vampir gattungsgemäß zu Staub zerfallen muß. Daß ausgerechnet der Drehbuchautor dem Spuk ein Ende setzt ist Ironie. Gerade der, dessen Handwerk das Wort ist, der die Idee entwickeln muß, ist derjenige, der auf seinen Realitätssinn vertraut, während die bekittelten Genies am Set zwischen Drogenrausch und Streß völlig dekompensieren.



Was sich aber nun auf dem Projektor wie ein Witz abspult, ist letztlich blutiger Ernst. Abgesehen davon, daß sich das Pentagon neuerdings von Hollywood-Regisseuren in der Konstruktion von Katastrophenszenarien beraten läßt, erzählt der Film von den Dämonen der Bilder. Weniger die Leichen, die der Vampir seiner Natur nach auf dem Weg zurückläßt, sind relevant, sondern der Verlust von Leben und dem Gefühl dafür. Und so wie der Vampir ein ewiges Leben nur als Schatten kennt, so sind auch die Darsteller auf dem Zelluloid nur als schattenhafte Legenden präsent - konsequent: den wie ein Vampir gibt die Kamera für das gespielte Leben den Menschen vor der Kamera nur die Illusion eines anderen Lebens wieder. Die Menschen, die ins Kino gehen oder vor dem TV sitzen, glauben an dieses Märchen. Und zwar mit dem gleichen bedingungslosen Ernst wie jene Bauern im 18/19. Jahrhundert an Geister und böse Mächte glaubten. Doch das schöne bei "Shadow of the Vampire" ist, daß man - wie bei jeder guten Aufklärung - gut etwas zu lachen hat.
Norbert Ahlers

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