logo HOME//KARLSTORKINO//AKTIVE MEDIENARBEIT//ÜBER UNS//IMPRESSUM  
 HOME    KARLSTORKINO  AKTIVE MEDIENARBEIT  ÜBER UNS  NEWS[LETTER]  GÄSTEBUCH  BILDER [BLOG] 
 Über uns/angebote  technikverleih  seminare  kritiken & essays  dunkelkammer 




Hier finden Sie Texte, die über unser Filmprogramm hinausgehen, insbesondere Kritiken, Besprechungen, Quellen und weitere Materialien.

Filmtext

Bockiges, eigensinniges Kind
Bockiges, eigensinniges Kind

 An Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ erinnert der Anfang des Dokumentarspielfilms „Scardanelli“, mit dem Harald Bergmann seine Hölderlin-Trilogie komplettiert hat. Musikalisch begleitet von Franz Schubert sehen wir die schmale Gestalt eines einsamen Wanderers vor der mächtigen Kulisse einer majestätisch schönen Gebirgslandschaft. Die fremde, unnahbare, sich entziehende Natur, in der sich der Mensch verliert und verloren ist, schenkt ihm zugleich Schutz und Geborgenheit. Dieser romantische Trost findet seine Entsprechung in der Farbigkeit und Stille lichterfüllter, klarer Bilder. Die Natur als Seelenlandschaft und Spiegel des menschlichen Daseins ist in diesem filmischen Prolog bereits angelegt und wird an anderer Stelle in der Rezitation von Hölderlins späten Gedichten über die Jahreszeiten wiederkehren.

Historisch knüpft die Exposition des Films jedoch an die Rückkehr des schwäbischen Dichters aus Bordeaux im Jahre 1802 an, wo er für kurze Zeit als Hauslehrer tätig war. „Von Apollon geschlagen“, fühlt er sich; körperlich und geistig zerrüttet, urteilen seine Zeitgenossen, ohne genau sagen zu können, woran es ihm fehle und was die Ursache seiner Leiden sei. Bergmann verfährt hier durchaus spekulativ, wenn er dem Sektionsbericht eines Mediziners, der zwar attestiert, Hölderlins Gehirn sei schön gebaut und gesund gewesen, habe aber Spuren einer Verletzung aufgewiesen, den heimtückischen Überfall eines falschen Freundes an die Seite stellt. Dieser schlägt den Dichter hinterrücks nieder, um ihn zu bestehlen.

Abgesehen von dieser durch Wiederholung hervorgehobenen Hypothese, die eine Erklärung für Friedrich Hölderlins psychischen Zustand in der zweiten Hälfte seines Lebens geben möchte, hält sich Bergmanns Film genau an die historische Überlieferung. Schon sein Titel „Scardanelli“, der Wahlname des Dichters, mit dem dieser seine späten Schöpfungen zu signieren pflegte, um sich zugleich von seinem früheren Leben zu distanzieren, belegt den Ernst dieses Ansatzes, der sich behutsam dem Mysterium eines unbekannten und kaum jemals verstehbaren Innenlebens anzunähern versucht. Mit antiillusionistischen Mitteln und um größtmögliche Authentizität bemüht, läßt Bergmann die Dokumente sprechen, stellt sie aber zugleich in einen künstlichen Raum. So inszeniert er anhand überlieferter Zeugenberichte dokumentarische Interviews, die Auskunft geben über die 36 Jahre von Hölderlins Leben in der Turmkammer der Tübinger Schreinerfamilie Zimmer.

Hier schreibt der vielseitige Künstler, verschenkt seine Verse auf Wunsch an mehr oder weniger ungebetene Besucher, zeichnet, spielt Klavier oder liegt einfach nur tagelang im Bett, wenn es ihn nicht gerade zum Blumenpflücken hinaus in die freie Natur zieht. Absonderlicher wirkt auf die Zeugen, daß er oft Zwiegespräch mit sich selbst führt, lautstark und mit viel Pathos aus dem „Hyperion“ deklamiert, von einem bösen Geist in Wutanfälle getrieben wird oder sich gegenüber Lotte, der Tochter des Hauses, die sich behutsam um ihn kümmert, wie ein „bockiges, eigensinniges Kind“ verhält. Auch die starke Abwehr seines früheren Lebens – beispielsweise die Erinnerung an seine Hauslehrertätigkeit bei der Frankfurter Bankiersfamilie Gontard – gehört zu den Auffälligkeiten seines Verhaltens.

Christoph Theodor Schwab, Wilhelm Waiblinger und Lotte Zimmer heißen einige der Zeugen, die, gespielt von schwäbisch sprechenden Schauspielern und gefilmt in ihren Wohn- und Arbeitszimmern, gerade durch die Verfremdung ein hohes Maß an zeitlicher Unmittelbarkeit herstellen. Sie lösen beim Zuschauer aber auch ein beständiges Gefühl des Abstands aus. Verstärkt wird das noch durch Rolf Coulanges’ kontrastreiche Schwarzweißfotografie der Spielszenen und die zeichnerische Visualisierung der immer wieder in die Handlung eingeschobenen Gedichtrezitationen. In ihnen liegen Leben und Tod nahe beieinander; und eine milde, freundliche Menschenliebe versöhnt die leidende Kreatur mit der heilenden Gegenwart der Götter. Vielleicht hat der Schweizer Schriftsteller Robert Walser, der in mancherlei Hinsicht ein Seelenverwandter des schwäbischen Dichters war, darum recht, wenn er sagt, „daß Hölderlin die letzten dreißig Jahre seines Lebens gar nicht so unglücklich war, wie es die Literaturprofessoren ausmalen.“

Wolfgang Nierlin

HOME//KARLSTORKINO//AKTIVE MEDIENARBEIT//ÜBER UNS//IMPRESSUM