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Filmtext

Das Menschsein erfüllen
Das Menschsein erfüllen

 Artifiziell und merkwürdig fremd erscheint die Bildwelt von Alexander Sokurows neuem Film „Vater und Sohn“. Dem Vorbild der Wirklichkeit enthoben, sucht sein lyrischer Antinaturalismus nach einer zeitlosen Schönheit, die sich zur Parabel verdichtet. In extremen Nahaufnahmen lösen sich die ineinander verschlungenen Körper auf zu reinen Formen; warme, kontrastarme Farben fließen ineinander; Grenzen innerhalb der Bildtiefe werden verwischt; und die Töne, aus Tschaikowsky-Motiven, Radiofrequenzen und Straßengeräuschen gestaltet, wirken so entfernt, als kämen sie aus einem jenseitigen Raum. In langen, wortlosen Blicken artikulieren die Protagonisten ihre Beziehungen zueinander.

Die traumverlorene Atmosphäre und die reduzierte äußere Handlung verbinden sich mit einem esoterischen Gehalt, der seine Voraussetzungen verschweigt und in dunklen, symbolträchtigen Sätzen Archetypisches beschwört: „Ein liebender Vater kreuzigt“, sagt der Sohn mit Berufung auf die Heiligen. Und er ergänzt: „Ein liebender Sohn lässt sich kreuzigen.“ Später sagt der Vater zum Sohn: „Gott hat dich mir geschickt.“ Sokurow betont die wechselseitige Abhängigkeit der beiden, indem er christliche Motive verarbeitet: Einerseits das Schutzbedürfnis und die Ergebenheit des Sohnes, der sich dem Vater überantwortet und sich zugleich von ihm trennen muss, um sich als Individuum begreifen zu können; andererseits die Einsamkeit des Vaters, der sich – in Umkehrung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn – von diesem lösen muss, damit sich das Menschsein erfülle.

Alexander Sokurows „Vater und Sohn“ bildet den zweiten Teil seiner Filmtrilogie über das Drama menschlicher Beziehungen und ihre familiären Wurzeln. An wenigen Schauplätzen in Lissabon und Sankt Petersburg gedreht und dabei ins Überzeitliche entrückt, verkörpert der Film zugleich Sokurows Idee der Schönheit. In ihr verbinden sich antike Körperinszenierungen und das Lob über die Bewahrung des Alten mit einer Abwehr der Moderne. (Heidelberg, Karlstorkino, 16.u. 18.-20.10.)

Wolfgang Nierlin

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