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Filmtext

Das Versagen der Eltern
Das Versagen der Eltern

 Die Idee existierte bereits vor “Kids”, dem großen amerikanischen Teenagerfilm, mit dem der 1943 geborene Fotograf Larry Clark vor zehn Jahren als Filmemacher debütierte. So entstand das Drehbuch zu „Ken Park“ als Fortsetzung seiner fotografischen Arbeiten und wurde vom damals 19-jährigen Harmony Korine, einem Skateboardfahrer und enthusiastischen Filmfreak, aus Clarks privaten Tagebuchaufzeichnungen, aus Fotos und Zeitungsausschnitten kompiliert. Dabei geht es dem Filmemacher, der seit seinen ersten Fotografien als teilnehmender Beobachter der dokumentierten Szene nahe steht, vor allem um eine genaue und möglichst aufrichtige Darstellung der Wirklichkeit. Zusammen mit Kameramann und Co-Regisseur Ed Lachman realisierte er „Ken Park“ als Versuch, diese „emotionale und visuelle Ehrlichkeit“ durch einen „poetischen Blick“ zu ergänzen. Die sehr freizügigen Bilder, die dabei entstanden, haben seit der Uraufführung des Films beim Festival von Venedig für Kontroversen gesorgt.

„Ken Park“ ist zunächst das indirekte Portrait seines Titelhelden, der in Umkehrung seines Namens „Krap Nek“ genannt wird und gewissermaßen die Leerstelle des Films bildet. Diese wird gefüllt durch die Einzelportraits einer Gruppe von Freunden, die parallel erzählt werden und die sowohl für den Abwesenden als auch untereinander eine Stellvertreterfunktion übernehmen. Die einzelnen Geschichten spiegeln lediglich individuelle Symptome einer allgemeinen gesellschaftlichen Krankheit, deren Zentrum die Familie ist. Dort, wo in intimster nähe zwischen Menschen Sprachlosigkeit herrscht und gegenseitiges Unverständnis ungeschützt aufeinander prallt, liegen die Ursachen von Gewalt, sexuellem Missbrauch und Drogenkonsum. Zumal in den Vereinigten Staaten, wo dieser Zersetzungsprozess am weitesten fortgeschritten ist und zu einer Reihe gesellschaftlicher Neurosen geführt hat.

Vier Jugendliche stellen nacheinander den jeweils nächsten vor. Zuerst Shawn (James Bullard), der mit der Mutter seiner Freundin schläft und dabei eine verlorene kindliche Liebe und Anhänglichkeit auslebt. Der sensible Skateboarder Claude (Stephen Jasso) wiederum liegt im Dauerclinch mit seinem Macho-Vater (Wade Andrew Williams). Dieser vertreibt sich mit Krafttraining und Trinken die Zeit, fordert von seinem Sohn einen männlichen Siegerwillen und ist doch selbst ein von sexuellen Frustrationen und emotionalen Defiziten gequälter Verlierer. Dagegen leidet Peaches (Tiffany Limos) unter der Strenggläubigkeit ihres Vaters (Julio Oscar Mechoso), der seine erwachsene Tochter zunehmend mit seiner verstorbenen Frau identifiziert. Er sei „anders als die anderen“ heißt es schließlich vom Einzelgänger Tate (James Ransone), der in offener Feindschaft bei seinen Großeltern lebt. Allerdings sind die aggressiven Ausprägungen seiner gestörten Persönlichkeit nicht allein mit seinen Kommunikationsdefiziten zu erklären.

Larry Clark hat „Ken Park“ einen „Familien-Film“ genannt. Denn durch die Portraits der Jugendlichen schimmern diejenigen der Erwachsenen, die ihre Frustrationen und Beschränkungen an die Kinder weitergeben. Am deutlichsten zeigt das die Charakterisierung von Claudes Vater, der auf tragische Weise dem eigenen Selbstbild hinterherläuft und in diesem vergeblichen Bemühen scheitert. Das Versagen der Eltern in ihrer Rolle als Vorbilder zielt dabei auf eine allgemeine existentielle Ungewissheit unter Teenagern: „Bist du nicht froh, dass deine Mutter dich nicht abgetrieben hat?“, fragt Ken Parks schwangere Freundin den Titelhelden. Larry Clarks sehr direkter Film gibt zwei Antworten. Gleich zu Beginn erschießt sich der rothaarige Jugendliche vor laufender Videokamera im Skatepark der kalifornischen Kleinstadt Visalia. Ein fast utopisches Gegenbild zu dieser Verzweiflungstat liefern die ekstatischen Szenen einer ménage à trois zwischen den Freunden Claude, Peaches und Shawn. Warmes Licht und die Schönheit der Darstellung illuminieren ihre sexuelle Komplizenschaft, in der Entgrenzung und stilles Einverständnis miteinander verschmelzen.



20./22.7.04

Wolfgang Nierlin

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