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Filmtext

Ich habe keine Angst
Ich habe keine Angst

 Weit im Süden Chiles spielt der neue Film von Gonzalo Justiniano, der hierzulande mit „Amnesia“ bekannt geworden ist. Punta Arenas am äußersten Zipfel Patagoniens liegt von hieraus näher als Arica im Norden. Gerade deshalb wird die Stadt an der peruanischen Grenze in „B-happy“ zum Sehnsuchtsort der Protagonisten verklärt. Die Weite der Landschaft und des Himmels, beides in warmes Licht getaucht, ist nämlich trügerisch angesichts der ärmlichen Lebensverhältnisse in diesem Landstrich. Die 15-jährige Katty (Manuela Martelli) lebt hier in einem entlegenen Haus zusammen mit ihrem älteren Bruder Danilo, der mit einem schwulen Musiker herumhängt, und ihrer Mutter, die für den Unterhalt der Familie sorgt. Vater Radomir Mardovich, der nach dem 2. Weltkrieg aus Jugoslawien eingewandert ist, sitzt wegen Raubes im Gefängnis und hat auch nach seiner Entlassung wenig Hoffnung, sein Leben ändern zu können. Eine allgemeine Perspektivlosigkeit liegt erdrückend über diesen Menschen und steht in einem herben Kontrast zur Landschaft.

„B-Happy“ beginnt deshalb mit einem Kaninchen, das sich in einer Falle verfängt. Am Anfang des Films steht aber auch der Satz „Ich habe keine Angst“, den Katty aus dem Off sagt und der in der Retrospektive auf ihre Leidensgeschichte zum desillusionierten Ausdruck eines gezwungenermaßen frühen Erwachsenseins wird. Wenn in der Schule die Lehrerin davon spricht, wie wichtig es sei, glücklich zu sein, klingt das in Kattys Ohren wie bittere Ironie. Denn das verschlossene Mädchen leidet unter Vorurteilen und mangelnder Zuwendung. Als plötzlich die Mutter stirbt und Katty auch noch von Danilo im Stich gelassen wird, findet sie sich unerwartet auf sich allein gestellt. Trotzig und unverzagt schlägt sie sich von nun an durch ein Leben, das an Härte noch zunimmt, als sie auf der Suche nach ihrem Vater irrtümlich und durch Behördenwillkür in einer Besserungsanstalt landet. Als sie ihn schließlich findet, ist er ein sterbenskranker Mann, dem auch die teuren Medikamente nicht mehr helfen können, für deren Finanzierung sich Katty prostituiert.

Gonzalo Justiniano erzählt die Geschichte eines leidgeprüften Erwachsenwerdens, das er mit dem Auseinanderbrechen einer Familie verbindet, realistisch und mit genauem Blick auf die sozialen Verhältnisse. Dazu inspiriert wurde er von den authentischen Erlebnissen einer jungen Frau und ihrer inneren Stärke im täglichen Kampf mit den Härten ihres Lebens. Ein trotziges Beharrungsvermögen kennzeichnet auch seine Heldin, die wenig Grund zur Zuversicht hat, aber geradezu selbstverständlich ihren Weg selbstbewusst weitergeht. Zwei Bücher, die sie von ihrem Freund und geheimen Verbündeten Chemo geschenkt bekommt, kennzeichnen das Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Absurdität, in dem sich Katty bewegt: „Der kleine Prinz“ und die Geschichte von Sisyphos.

Mit einem ebenso trockenen wie feinen Humor, der aus der Verzweiflung und Trostlosigkeit kommt, mildert Justiniano den Blick auf ein Leben, dem nur noch die Sehnsucht bleibt. Als auffallendstes Stilmittel dient ihm dabei die Abblende, die den Film strukturiert und die Handlung mit Ruhepunkten versieht, deren Lakonismus beredt ist. In dieser pointierten Art des Innehaltens wird das Ausgesparte zum Ereignis. Was wir dennoch sehen dürfen, ist ein Kaninchen, das zum wiederholten Male aus seiner Falle befreit wird. Und zwei junge Menschen, die unabhängig voneinander unterwegs sind in Richtung Arica.

(Heidelberg, Karlstorkino, 29.11.-1.12.)

Wolfgang Nierlin

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