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Filmtext

Bewegungsmelder für Unbehauste
Bewegungsmelder für Unbehauste

 Als „Speckgürtelwelt“ bezeichnet der Filmemacher Michael Klier (Jahrgang 1943) jene seelenlosen Zonen an der Peripherie größerer Städte, wo Wirtschafts- und Lebensraum in ihrer diffusen Mischung die Wirklichkeit fragmentieren. Zwischen Einkaufsmärkten, verstreuten Wohnblocks, großen Zubringerstraßen und Brachland verliert die Welt ihr Gesicht und der Mensch seine Identität. Außen und innen gehen hier nach den Regeln der konsumorientierten Zweckmäßigkeit nahtlos ineinander über. Die gleichzeitige An- und Abwesenheit von Natur und Bebauung macht aus diesen geschichtslosen Zonen Orte des Transits und des Übergangs. In Kliers neuem Film „Farland“, dessen Titel hierfür stellvertretend zu lesen ist, verkörpert ein solcher Ort zugleich die Bewegung nach Westen, die jetzt im Osten der Republik angekommen ist. Aufbruch und Stillstand sind hier merkwürdigerweise eins. Der Film überträgt diese Beobachtung in einen geschlossenen Kosmos, in dem die handelnden Figuren, die ständig unterwegs sind, aber nirgends ankommen, sich fortwährend begegnen.

Für die junge Karla (Laura Tonke) ist Farland Erinnerung an eine ungeliebte Vergangenheit und an eine verlorene Heimat, in die sie nur widerwillig zurückkehrt, weil ihre Schwester Marie nach einem schweren Verkehrsunfall im Koma liegt. Die Stunden am Krankenbett bilden einen Kontrast zur inneren und äußeren Rastlosigkeit der Heldin, einer Entwurzelten, die in ihrem jungen Leben bereits viel erfahren hat. Vor allem, dass ein beschleunigter Alltag Unterschiede nivelliert, Orte gleich aussehen lässt, Männer austauschbar macht und schnelle Gefühlswechsel erzeugt. Karla, die als Hostess auf Messen arbeitet, flieht das Korsett enger Bindungen und entwickelt aus ihrer existentiellen Verlorenheit eine innere Stärke. Ihr früheres Leben ist ihr lästig, was vor allem ihr Ex-Freund Frank (Daniel Brühl), der noch immer in sie verliebt ist, zu spüren bekommt. Aber auch in der Wohnung der verreisten Mutter hält es sie keine Nacht. Stattdessen zieht sie in das menschenleere, vollautomatisierte „Etap Hotel“.

„My home is my country“ lautet ein Werbeslogan, mit dem Karla eingangs bei einem Verkaufsquiz auf Kundenfang geht. „Farland“ ist durchzogen von solchen ironischen Kommentaren. Denn zur Unbehaustheit seiner Helden passt noch immer der Titel des aus dem Jahre 1989 stammenden Klier-Films „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“. Der Paketkurier Axel (Richy Müller), der emotionslos und wie versteinert am Krankenlager seines Sohnes Thorsten wacht, bildet da keine Ausnahme. Auch er, der seine Familie verlassen hat, kehrt zurück, um den Spuren unfreiwilliger Verluste zu folgen, es vielleicht noch einmal zu versuchen mit seiner Frau und dem Sohn, der wie seine Freundin Marie bewusstlos ist. Für Klier ist das Koma eine Metapher für den „emotionalen Zustand“ und die „mentale Unbeweglichkeit“ innerhalb der deutschen Gesellschaft. In „Farland“ gibt es deshalb keine Ärzte und Krankendossiers. Aber er zeigt mit den Figuren Karla und Axel zwei Menschen, die sich sehr langsam aufeinander zu bewegen und sich dabei fast unmerklich verändern.

Für ihre unsicheren Schritte hat Michael Klier einen „Bewegungsmelder“ „installiert“. Dieser heißt Julian (Thure Lindhardt) und arbeitet als Fußballtrainer für Blinde. Zu Karla sagt er: „Egal, wo man ist, Hauptsache man ist verbunden und bleibt dran, sonst hängt man in der Luft.“ In der trostlosen, entfremdeten Szenerie von „Farland“, wo alle in einer überwältigenden Gleichzeitigkeit unterwegs sind, ohne von der Stelle zu kommen, wirkt das angesichts von Sprachlosigkeit und erkalteten Beziehungen wie ein Trost. Oder, um mit Klier zu sprechen, wie eine „romantische Utopie“ innerhalb einer utopielosen Gesellschaft.

(Heidelberg, Karlstorkino, 18.-22.12.)

Wolfgang Nierlin

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