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Filmtext

Wurzeln der menschlichen Existenz
Wurzeln der menschlichen Existenz

 Bereits die erste Einstellung in Erich Langjahrs Dokumentarfilm „Hirtenreise ins dritte Jahrtausend“ ist beispielhaft für den Konflikt zwischen einer archaischen Lebensweise und der modernen Zivilisation, den der Filmtitel in sich birgt. Ruhig und aus großer Distanz beobachtet die Kamera eine Schafherde beim Grasen. Das Bild ist vom überwältigend satten Grün der Wiesenlandschaft bestimmt, durch die sich fast beiläufig eine Straße schlängelt, ihr Grenzen einzieht, die dem natürlichen Bewegungsdrang der Tiere entgegenstehen. Denn diese sind auf ihrem Weidezipfel, den der asphaltierte Weg umgürtet, förmlich eingeschlossen. Später wird der Tessiner Hirte Thomas Landis, den der Film bei seiner harten Arbeit auf der Winterweide im Luzerner Mittelland beobachtet, sich über die Straßen beklagen. Einmal sieht man, wie er mit vierhundert Schafen eine Fahrbahn überquert, auf der kurz darauf wieder der Autoverkehr rollt. Die Zeit dehnt sich, aber das Bild, im Hintergrund von einem Industriegebiet gesäumt, hat seine Unschuld schon lange verloren. Denn der Zuschauer ahnt die Anwesenheit der zunächst nicht gezeigten Autofahrer, ihr Warten.

Auch wenn der Schäfer heutzutage selbst von einer Reihe technischer Hilfsmittel „profitiert“, was der Film bis in scheinbar nebensächliche Details keinesfalls verschweigt, bleibt sein Arbeitsalltag hart und entbehrungsreich. Noch bei Eis und Schnee übernachtet Landis unter einer Zeltplane, von Stroh, Schaffellen und einem guten Schlafsack gewärmt. Aber auch das Weiden ist tückisch, wenn das Gras zentimeterhoch unter Schnee bedeckt liegt, durch Gülle ungenießbar geworden ist oder wenn die Rapsfelder der Bauern die Tiere anlocken. Vor allem erscheint ein solches Hirtenleben, das zu den ältesten Kulturformen des Menschen gehört, aber als fremd, gewissermaßen aus der Zeit gefallen. Schulklassen unternehmen Ausflüge, um vor Ort mehr über diese exotische Lebensweise zu erfahren. Und eine Radioreporterin fragt Landis, ob er in seinem einsamen Schäferdasein nicht hin und wieder Langeweile verspüre; worauf dieser antwortet, es gebe „Momente des Ausharrens“, in denen die Sehnsucht nach der Familie und dem Zuhause stark sei. Die Notwendigkeit, trotz vieler Entbehrungen an der selbstgewählten Lebensform festzuhalten, klingt durch diese Worte des gelernten Radioelektrikers, der als Hirte seinem Traum vom einfachen Leben folgt. Zugleich bekennt er, kein Sitzleder zu haben und immer unterwegs sein zu müssen.

Der 1944 geborene Schweizer Filmemacher Erich Langjahr, der mit „Hirtenreise ins dritte Jahrtausend“ seine mit „Sennen-Ballade“ und „Bauernkrieg“ begonnene Trilogie über die bedrohte Identität der bäuerlichen Welt komplettiert, hat seinen Film dem Rhythmus der Portraitierten angepasst. Dem Wechsel der Jahreszeiten folgend, begleitet er die Familie Landis zur arbeitsintensiven Ziegenwirtschaft in die Graubündner Hochalpen, während die Schafherde mit dem Hirten Michel Cadenazzi die Sommermonate im Gotthard-Gebiet verbringt. Als „Freiheit irgendwie“ bezeichnet dieser das Leben in der Natur und mit den Tieren. Langjahrs ethnographisch genauer Film, der sich seinem Gegenstand stets behutsam nähert, spiegelt das in beeindruckenden Landschaftsaufnahmen und indem er ergreifende Parallelen zwischen Mensch und Tier zeigt: Momente, in denen zugleich das Ausmaß einer Entfremdung wahrnehmbar wird, die zwar nicht umkehrbar ist, deren Sichtbarmachung aber zu den Wurzeln der menschlichen Existenz zurückführt.

(Heidelberg, 13.-16.2. im Karlstorkino; Mannheim, Atlantis)

Wolfgang Nierlin

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