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Filmtext

Den Menschen sehen
Den Menschen sehen

 „Kein Mensch ist ein Unmensch“, sagt Anna (Ann Eleonora Jørgensen) zu den Insassinnen eines Kopenhagener Frauengefängnisses: Man müsse den Menschen sehen, nicht nur seine Handlungen. Die frisch examinierte Theologin hat in Vertretung eines erkrankten Kollegen gerade ihre erste Stelle als Gefängnispfarrerin angetreten und wird dabei gleich mit Kriminellen und Drogensüchtigen konfrontiert. Trotzdem strahlt sie Optimismus und Zuversicht aus. Anna ist eine moderne Frau mit einem aufgeklärten Verständnis von Religion und einem rationalen Glauben. Wenn sie über Vergebung predigt, dann soll das etwas mit dem Leben ihrer Zuhörerinnen zu tun haben. Die Wunder der Bibel sind für sie Metaphern. Und die Wunder, von denen neuerdings im Gefängnis gesprochen wird, bezeichnet sie gegenüber ihrem Mann Frank (Lars Ranthe) als Hokuspokus. Doch dann prophezeit die Gefangene Kate (Trine Dyrholm) der Enddreißigerin, sie sei schwanger.

Auch Kate Kristoffersen ist neu in dem Gefängnis, in das sie verlegt wurde, und zwar aus Gründen, die zunächst dunkel bleiben. Schweigsam und verschlossen gibt sie sich; zugleich nimmt sie Abstand und sondert sich ab. Als die Süchtige Marion (Sonja Richter), die sich Kate in ihrer Not anvertraut, über Nacht clean wird, gilt die geheimnisvolle „Neue“ im Knast plötzlich als Heilerin, begabt mit übersinnlichen Kräften. Während sich Kate immer besser integriert, indem sie über Marion neue Freundinnen gewinnt und sich daneben auch noch in den Wächter Henrik (Nikolaj Kopernikus) verhängnisvoll verliebt, erfährt die tatsächlich schwangere Anna nach einer Fruchtwasseruntersuchung, dass ihr Kind möglicherweise behindert sein könnte. Was jetzt folgt, ist die dramatische Zuspitzung eines moralethischen Konflikts, der das Ehepaar in eine tiefe Krise stürzt. Vor allem Anna stellt in ihrer Entscheidungsnot Fragen nach dem Warum und nach der Gerechtigkeit. Und sie scheint dabei nicht nur Glaubensgewissheiten zu verlieren, sondern auch ihr Vertrauen zu Menschen.

„Der Film zeigt, was passiert, wenn die Hoffnung dem Misstrauen unterliegt, wenn der Glaube von Vernunft beherrscht wird, wenn der Schmerz größer ist als Liebe.“ Das sagt die Regisseurin Annette K. Olesen, die ihren Film „In deinen Händen (Forbrydelser) nach den filmischen Regeln der dänischen „Dogma“-Gruppe inszeniert hat. Darin versagt sie sich den üblichen Kino-Schauwerten und Effekten, um vielschichtig und stringent den nackten Konflikt ihres Dramas in einer Katastrophe zu verdichten. In ihr trifft Kates verhängnisvolle, von Schuld verdunkelte Vergangenheit auf den zerbröckelnden Glauben Annas, die letztlich am eigenen Anspruch, in einer Extremsituation vertrauen und vergeben zu können, scheitert.

(Heidelberg, Karlstorkino, bis 23.2.)

Wolfgang Nierlin

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