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Filmtext

Nähe zum Himmel
Nähe zum Himmel

 Vom slowakischen Bratislava bis zum Donaudurchbruch im Westen Rumäniens, dem sogenannten „Eisernen Tor“, erstreckt sich der Gebirgszug der Karpaten: ein halbkreisförmiger Bogen, der im Norden Polen und im Osten die Ukraine berührt und damit auch die Ränder der historisch bedeutsamen Landschaften Galiziens und der Bukowina. Für die beiden Filmemacher Andrzej Klamt und Ulrich Rydzewski ist dieses Gebiet eine „terra incognita im Bewusstsein von Westeuropäern“. Ihr gemeinsamer Film „Carpatia“ ist aber nicht nur eine Reise zu unbekannten, entlegenen Orten, sondern ermöglicht auch eine Begegnung mit ihren Bewohnern: ukrainische Huzulen, Goralen aus den polnischen Beskiden, rumänische Sinti und galizische Juden.

Im ruhigen Wechsel von meditativen, nur von Naturgeräuschen unterlegten Landschaftspanoramen, in denen eine große Abgeschiedenheit lebendig wird, zu Großaufnahmen von Gesichtern vollzieht sich die filmische Annäherung. Dabei stehen Mensch und Natur in einer Wechselbeziehung, werden Landschaften und Gegenstände zu Symbolen einer Existenz, die zugleich als beschwerlich und befreiend empfunden wird. Ebenso bilden die Schönheit und der Reichtum der Landschaft einen Kontrast zu den ärmlichen Lebensverhältnissen. Die reale „Nähe zum Himmel“ als Gefühl für ein selbstbestimmtes Leben trägt hier Züge einer paradoxen Doppeldeutigkeit, die sich in einem religiösen Eskapismus ausdrückt: der Sehnsucht nach dem Himmelreich.

Ob unter Siebenbürger Hirten, slowakischen Zirkusleuten oder polnischen Künstlern – immer ist ein starker Gleichmut gegenüber der Vergänglichkeit zu spüren. Das Glück sei nicht hier auf Erden zu finden, sagt Marinella Urs, Bäuerin und Inhaberin eines kleinen Ladens. Trotzdem sind die Menschen zufrieden an ihren Orten und in ihren Arbeiten, die von einer lebendigen Überlieferung getragen werden. Und sie haben sich einen Humor bewahrt, der sich stoisch gegen alltägliche Unbilden und eine alles umgrenzende Zeitlichkeit behauptet. Denn „Carpatia“ handelt auch von Traditionsbrüchen: von der Vertreibung der Juden, der Ausgrenzung der Sinti und dem Raubbau an der Natur und dem damit verbundenen Verlust von Sprache, Religion und Heimat. In den Zäsuren, dem Innehalten, die der Film durch seine subtile Abblendetechnik setzt, sammelt sich die nachdenkliche Kraft gegen diese Zerstörungen. (Heidelberg, Karlstorkino, bis 2.3.)

Wolfgang Nierlin

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