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Filmtext

Die Ewigkeit und ein Augenblick
Die Ewigkeit und ein Augenblick

„Revolution Films“ heißt die Produktionsfirma des englischen Regisseurs Michael Winterbottom. Der Name passt sehr schön zu seiner jüngsten Arbeit „9 Songs“, einem 160.000 Dollar billigen Low-budget-Film, den der äußerst produktive Filmemacher in „Dogma“-Manier gedreht hat: und zwar innerhalb von nur acht Tagen, ohne Drehbuch, mit improvisierten Dialogen, unter Verzicht auf künstliches Licht und natürlich mit digitalen Videokameras. Das ist nicht nur ein Reflex auf den cineastischen Zeitgeist, sondern vor allem eine ästhetische Entscheidung, die in Winterbottoms Filmographie Entsprechungen findet und im Verbund mit konventionelleren Stoffen und Erzählweisen zugleich die beeindruckende Spannweite seiner Arbeit - etwa zwischen der Thomas Hardy-Adaption „Jude“ und dem Flüchtlingsroadmovie „In this world“ - dokumentiert.

Inspiriert von Michel Houellebecqs „Plattform“ zeigt „9 Songs“ ausführlich und sehr freizügig in immer wieder neuen Variationen die sexuelle Leidenschaft zwischen dem Klimaforscher Matt (Kieran O’Brien) und der 21-jährigen amerikanischen Studentin Lisa (Margo Stilley). Von der burschikosen jungen Frau, deren Lust der Film fokussiert, heißt es, sie sei „egoistisch, sorglos und verrückt“. Der soziale Hintergrund der Figuren spielt allerdings ebensowenig eine Rolle wie ihre narrative Einbindung in eine Geschichte. Vielmehr geht es Winterbottom um eine reine Liebesbeziehung, ihre Ekstasen und die Zeitlichkeit der Lust. Matt erzählt davon aus der Retrospektive und seine subjektive Erinnerung ist sensuell, vergegenwärtigt die Berührungen der Haut, den Geruch und den Geschmack der Liebe. Der Film vermittelt diese Intimität entspannt, lustvoll und authentisch. Die raue Oberfläche der Bilder und die zuweilen abrupte Montage verstärken das noch, ohne in Trivialität abzugleiten.

„9 Songs“ zelebriert sein Fest der Sinne als reinen Film und verankert ihn deshalb in der Dominanz seiner Struktur. Denn das losgelöste Sein der Figuren in der sexuellen Lust wird immer wieder unterbrochen von mitreißenden Konzertmitschnitten, die unter anderem Live-Auftritte der Rockbands „Black Rebel Motorcycle Club“, „Primal Scream“, „Franz Ferdinand“ und „The Dandy Warhols“ dokumentieren: das unvergleichliche Ambiente etwa der Brixton Academy, angefüllt mit einer rauschhaften Atmosphäre aus Sex, Drugs and Rock’n’Roll, die das kleine teilnehmende Filmteam und die nervösen, elektrisierten Bilder förmlich infiziert hat.

Dazu kommt, als drittes Strukturelement, der Bericht des Off-Erzählers über eine Forschungsreise in die Antarktis, die als eine symbolische Landschaft beschrieben wird. Die faszinierende Eiswüste (übrigens in Norwegen gedreht) fungiert darin als Gedächtnis der Erde aus einer Zeit, bevor es Menschen gab, und als leerer Raum, der sich unmerklich wandelt bzw. verschwindet, ohne aufzuhören. Mit der Metapher vom ewigen Eis, die das Unvergängliche evoziert, kontrastiert Winterbottom wiederum die romantische Augenblickserfahrung einer entgrenzenden, die Individuen verschmelzenden ekstatischen Lust, die Ewigkeit will und doch flüchtig bleiben und deshalb enden muss.

(Heidelberg, Karlstorkino, 14.-19.4.)

 







 



Wolfgang Nierlin

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